Kurzbeschreibung

In dieser Rede vom 6. März 1931 warnte der Arzt und SPD-Reichstagsabgeordnete Julius Moses seine Kollegen im Plenarsaal vor den schwerwiegenden Folgen, welche die hohe Arbeitslosigkeit für die Gesundheit und Bildung der deutschen Bevölkerung, insbesondere der Jugend, hatte. Der ausgebildete Arzt Moses war von 1920 bis 1932 Mitglied des Reichstags und hatte einen bedeutenden Einfluss auf die sozialdemokratische Gesundheitspolitik in der Weimarer Republik. Wenn fünf Millionen Deutsche keine Arbeit hatten, so Moses, bedeutete dies, dass weitere 15 Millionen Deutsche, darunter vor allem Kinder, unter dem Ausbleiben der Löhne litten, was oft dazu führte, dass sie Mahlzeiten ausließen, nicht baden konnten, im Winter froren, abgetragene Kleidung und Schuhe teilen mussten und unter Läusen litten. Moses berichtete von Schicksalen, die er persönlich gehört hatte, darunter z.B., dass einige Familien dazu übergegangen waren, an einem Tag ein Kind zur Schule zu schicken und am nächsten Tag ein anderes, weil sie nur ein Paar Schuhe hatten und die Kinder diese abwechselnd tragen mussten. Kinderkliniken, so Moses, verglichen die Bedingungen im Jahr 1931 mit den schlimmsten Zeiten des Kriegsleids und befürchteten sogar Ausbrüche von Skorbut, einer Krankheit, die auf Vitamin-C-Mangel zurückzuführen ist und im vorangegangenen Jahrhundert weitgehend verschwunden war.

Moses war seit 1920 Mitglied des Reichstags, wo er sich für bessere Wohnverhältnisse, eine verbesserte Gesundheitsversorgung und stärker regulierte medizinische Versuche an Menschen einsetzte. Er warnte frühzeitig und deutlich vor Hitler, und aus diesem Grund sowie aufgrund seiner jüdischen Herkunft wurde Moses fast unmittelbar nach der Machtübernahme der Nazis im Jahr 1933 von ihnen verfolgt. Er starb 1942 im Konzentrationslager Theresienstadt.

Der Sozialdemokrat Julius Moses warnt vor der Verelendung der Bevölkerung (6. März 1931)

Quelle

Meine Damen und Herren, lassen Sie mich in den ganz wenigen Minuten, die mir zur Verfügung stehen und die ich eigentlich verwenden wollte, um ein paar kurze Bemerkungen zu dem ganzen Gebiet des Gesundheitswesens zu machen, anknüpfen an die Ausführungen des Herrn Kollegen Schlange, denen wir mit Aufmerksamkeit gefolgt sind.

Herr Kollege Schlange hat mit Recht von dem Ernst der Situation gesprochen. Und vielleicht darf ich in diesen wenigen Minuten hinzufügen vom Standpunkt des Arztes aus, dass die Situation bei uns in Deutschland tatsächlich auch von diesem Standpunkt aus eine überaus ernste ist.

Meine Damen und Herren, ich habe mir gestattet, Ihnen vor einiger Zeit eine Denkschrift zu überreichen unter dem Titel Arbeitslosigkeit ein Problem der Volksgesundheit.

Meine Damen und Herren, 5 Millionen Arbeitslose in Deutschland heißt, dass 20 Millionen in Deutschland direkt von diesem Problem und den Auswirkungen des Problems der Arbeitslosigkeit betroffen werden und in allererster Reihe betroffen werden auf dem Gebiete der Volksgesundheit.

Meine Damen und Herren, wenn heute schon von den Direktoren der Kinderkliniken gesagt wird, die Missstände erinnern in lebhaftester Weise an die ärgste Not der Kriegsjahre,  wenn heute wieder von Verschmutzung und Verlausung die Rede gewesen ist, die seit Jahren geschwunden und die jetzt immer wieder von Neuem in den verschiedensten Gegenden Deutschlands festzustellen ist, wenn die Kinder nicht mehr gebadet werden konnten, weil keine Kohlen zum Heizen mehr da sind, wenn Anzüge nicht mehr vorhanden sind, wenn die Kinder kein Schuhzeug haben, wenn festgestellt ist, dass in einzelnen Familien mit mehreren Kindern ein Kind heute und das andere Kind morgen erst zur Schule gehen kann, weil nur ein paar Stiefel vorhanden sind [...]

SWR