Kurzbeschreibung

In diesem Ausschnitt aus der Tonaufnahme einer Reichstagsdebatte vom 6. Februar 1931 beschuldigte der Abgeordnete der katholischen Zentrumspartei Josef Joos den DNVP-Abgeordneten Bruno Doehring, einen prominenten lutherischen Pastor und überzeugten Konservativen, die „Katholikenhetze“ anzustacheln. Joos war bekannt für seine eloquenten und leidenschaftlichen Reden. Hier erinnert er seine Parlamentskollegen an die Ähnlichkeiten zwischen Doehrings Rhetorik und der des Kulturkampfs, als Reichskanzler Otto von Bismarck in den 1870er Jahren gegen die deutschen Katholiken vorging – eine Zeit, die Joos als „die dunkelsten Jahre der nationalen Entwicklung” bezeichnet. Joos und Doehring repräsentierten nicht nur die gegensätzlichen Seiten der christlichen Spaltung Deutschlands, sondern auch die gegensätzlichen Seiten der republikanischen Spaltung, wobei Joos ein überzeugter Demokrat und Doehring ein unbeirrbarer Monarchist war. Beide Politiker teilten jedoch eine tiefe Ablehnung gegenüber dem Nationalsozialismus. In den frühen 1930er Jahren kritisierte Joos in seinen Reden regelmäßig die NSDAP, und Doehring veröffentlichte 1932 eine Streitschrift gegen Hitler und die Nazi-Bewegung, in der er ihnen vorwarf, das Christentum durch eine neue Religion ersetzen zu wollen. Die Nationalsozialisten inhaftierten Joos später im KZ Dachau, während Doehring während der gesamten Dauer des NS-Regimes weiter öffentlich predigen durfte, wenn auch unter strenger Überwachung durch die Gestapo.

Josef Joos kritisiert „Katholikenhetze“ im Reichstag (6. Februar 1931)

Quelle

Ja, es ist ein Unterschied zwischen Rettung und Rettung.  Und nun muss ich mich einen Augenblick an diesem Punkt mit dem Herrn Kollegen Döring beschäftigen. Das ist mir nicht sympathisch. Das ist mir gar nicht sympathisch. Ich will Ihnen noch sagen, warum. Denn der Herr Kollege Döring leidet an einer unheilbaren Sache. Das nennen wir den antirömischen  Affekt. Denn Herrn Kollegen Döring ist er Katholik schon darum ein schlechter Deutscher, weil er Katholik ist. [Zwischenrufe]  In diesem Punkte wahren Sie  eine  Geschichtstreue, allerdings eine Treue an die dunkelsten Jahre der nationalen Entwicklung.  Auf diese geistigen Einstellungen hin hat Herr Kollege Döring den Herrn Reichskanzler betrachtet. Und er hat ihm einen Vorwurf daraus gemacht und ihn als unmöglich oder unfähig hingestellt, schon weil er der Zentrumspartei angehört.

Und er hat sich da etwas geleistet, das ich jetzt einen Moment nachprüfen muss. Er hat gestern gesagt, wir haben alles Verständnis dafür, dass Sie, Herr Kanzler, sich insofern in einer sehr schwierigen Lage befinden, als Sie Exponent der Zentrumspartei sind. Das heißt also des Gebildes, von dem geschichtsnotorisch bekannt ist, dass es heute sich als rechts ausgibt und morgen behauptet, links zu sein.  Nicht wahr, nicht wahr. Wenn der Herr Reichsarbeitsminister Brauns in ganz kurzer Frist, merken Sie in ganz kurzer Frist, beide Äußerungen über seine Lippen bringen kann: die eine, die  dahin lautet, dass das Zentrum nicht mehr eine Rechts- oder Mittel-, sondern eine Linksorganisation sei, und die andere, die dahin lautet, dass demokratische Volkspartei und Zentrum zur Rechten gehören, so weiß man wirklich nicht, welche von beiden ist nun seine wirkliche innere Meinung.

Und nun hat der Herr Dr. Brauns den Herrn Kollegen Döring gefragt, sagen Sie mal, worauf stützen Sie sich denn? Und da hat Herr Dr. Döring geantwortet. Herr Döring antwortet: ,,Auf Ihre gestrige Frage erlaube ich mir ganz ergebenst zu erwidern, dass sich in einer Rede von Exzellenz Wallraff, die er am 28. Oktober 1922 auf dem Deutschnationalen Reichsparteitag in Görlitz gehalten hat, folgender Passus befindet: der jetzige Reichsarbeitsminister Brauns hat am 9. Januar 1919 gesagt, das Zentrum ist keine Mittelpartei mehr, sondern zur Linkspartei geworden. In einem Aufsatz in der Germania vom 18. Juli des Jahres rechnet Brauns das Zentrum nämlich zu den Demokraten und Volkspartei zur Rechten. Das  sind also die Belege, die Herr Dr. Döring vorgelegt hat.  [Zwischenrufe]  Das sind die vor kurzer Frist gefallenen Bemerkungen, wobei ich noch einschalten muss, dass Herr Dr. Brauns im Jahre '19 sich niemals so geäußert hat. Nie. Sehen Sie, Herr Dr. Döring, Sie nennen es töricht, dass der Kanzler dem Glauben huldigt, dass man Rechte, Mitte und Linke miteinander zusammenbringen kann, wenigstens zur Bejahung nationaler Notwendigkeiten. Warum sollen denn wir das nicht können, wir Deutsche? Die Franzosen können es, die Engländer können es.

[Reichstagspräsident Löbe]: Herr Abgeordneter ..., ich weise Sie aufgrund des Paragrafen 90 aus dem Saale wegen dauerndem... Ich weise Sie aus dem Saale wegen dauernder Störung.

Meine Damen und Herren, ich weise Sie wegen dauernder Widersetzlichkeit gegen meine Anordnung für drei Tage...

Meine Herren, das stenografische Protokoll wird ergeben, dass ich 15 bis 20 Mal Sie gebeten habe, den Redner nicht zu überschreien. ... [laute Zwischenrufe]

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