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Sehr geehrter Herr Frisch!
Über den Gegenstand, zu dem Sie mir das Wort erteilen, ohne daß ich, geben Sie mir das zu, mich eigentlich gemeldet hätte, ist in Ihrem Augustheft schon so Kluges, Tiefdringendes, ja Entscheidendes gesagt worden, daß es mir sehr gewagt scheinen muß, mich auch meinerseits noch dazu vernehmen zu lassen. Eine rein persönliche Haltung wird das sicherste Mittel sein, mich vor Blamage zu schützen, — wie denn das Persönliche die Zuflucht derer ist, die die Unerschöpfbarkeit der Dinge recht lebhaft empfinden; dazu die natürlich gegebene Äußerungsform für eine gewisse abenteuernde Weltkindlichkeit, zu der ich mich wohl möchte bekennen dürfen und deren Sache es eher ist, zwischen den Fragen und mit ihnen zu leben, als druckfähige Antworten darauf bereit zu haben. Selbst zu dem Geständnis bin ich unter Freunden fähig, daß es mir von jeher näherlag, zu fragen: „Wie komme wohl ich durch die Welt?“ als: „Welche Meinungen bilde ich mir über dieselbe?“ Da aber ist nun sogleich die Sache die, daß eben die Schwierigkeit des durch die Welt Kommens einem Menschen wie mir durch das Judentum aufs höchste erleichtert wird, — dies in dem Grade, daß ein Aufgreifen und Vorweisen antisemitischer Meinungen (die ja, wie die Annonce sagt „überall erhältlich“ sind) meinerseits einer grotesken Undankbarkeit gleichzuachten wäre, einer Undankbarkeit kolossalischen Stiles, wie sie allenfalls Richard Wagner zukam, aber doch mir nicht.
Es scheint mir also anständig, mich, zur Rede gestellt über das jüdische Problem, durch keinerlei „Große Gesichtspunkte“, weder durch geistige Umwälzungen wie den Untergang des Liberalismus, noch durch verantwortungsvolle Erwägungen philosophisch-politischer, rassenbiologischer oder ähnlicher Art verwirren zu lassen, sondern mich an die Tatsachen meines Lebens zu halten, die judenfreundlich sind, wie es die Lebenstatsachen jedes Menschen, der auf nicht ganz gang und gäbe Art durch die Welt zu kommen geboren ist, nach redlicher Aussage immer sein werden.
Ich denke zurück, — schon meine frühesten Erinnerungen in Richtung auf das Phänomen des jüdischen Mitmenschen sind freundlich. Es waren da Schulkameraden . . . ich kam vortrefflich mit ihnen aus, bevorzugte wohl gar ihren Umgang, instinktweise und ohne es mir bemerklich zu machen. In Quarta saß neben mir eine Weile ein Knäbchen Carlebach, Rabbinerssöhnchen, quick, wenn auch eben sehr reinlich nicht, dessen große, kluge, schwarze Augen mich freuten, und bei dem ich den Haar-Anwuchs hübscher fand als bei uns anderen, die wir nicht nach der Biblischen Geschichtsstunde in die Klasse kamen. Auch hieß er Ephraim, ein Name, erfüllt von der Wüstenpoesie eben jener Stunde, von der seine Besonderheit ausgeschlossen war oder sich ausschloß, markanter und farbiger, wie mir schien, als Hans und Jürgen. Was ich aber dem kleinen Ephraim namentlich nicht vergesse, war die unglaubliche Geschicklichkeit, mit der er mir beim Verhör einzublasen verstand, seinerseits aus dem Buche lesend, das er hinter dem Rücken seines Vordermannes aufgeschlagen hielt.
Ein andermal in der Kindheit hielt ich es angelegentlich mit einem Knaben namens Fehér, Ungar von Geburt, einem Typus, prononciert bis zur Häßlichkeit, mit platter Nase und früh dunkelndem Schnurrbartschatten. Sein Vater betrieb ein kleines Schneidergeschäft in der Hafengegend; und da mein Elternhaus nur etwas oberhalb dieser Gegend stand, so legte ich oft den Heimweg gemeinsam mit Franz Fehér zurück, wobei er mir in seinem fremdartig schleppenden Dialekt, der mir interessanter ins Ohr lauten mochte, als unser gewöhnliches Wasserkantisch, von ungarischen Zirkusunternehmungen erzählte: nicht solchen, wie Schumann, der neulich im Reuterkruge gastiert hatte, sondern ganz kleinen, zigeunernden, deren sämtliche Mitglieder, Tier und Mensch, sich am Schlusse der Vorstellung, das Publikum salutierend, zur Pyramide aufbauen konnten. Es war amüsant, ich kann es versichern. Zudem zeigte Fehér sich erbötig, mir kleine Besorgungen und Geschäfte abzunehmen, die ich nicht auszuführen gewußt hätte, und für nur dreißig ihm eingehändigte Pfennige verschaffte er mir aus einem kleinen Kaufladen für Matrosen ein richtiges, wenn auch schlichtes und einklingiges Taschenmesser, das erste, das ich besaß. Das Anziehendste aber war, daß bei Fehérs Theater gespielt wurde, — wahrhaftig, Eltern, Kinder und Freunde der Kinder, wahrscheinlich ebenfalls „Israeliten“, waren mit Proben zum „Freischütz“ beschäftigt, den sie als Schauspiel aufzuführen gedachten: und da ich die Oper gesehen, so brannte ich darauf, mich an dieser außerordentlichen Lustbarkeit als Jägerbursche zu beteiligen: als solcher erstens, weil die bedeutenden Rollen bereits vergeben waren, zweitens aber, weil es mich aufs äußerste verlangte, nach Art der Choristen des Stadttheaters mit einer Flinte dazustehen, die Hand bei gestrecktem Arme am oberen Lauf und den Kolben am Boden. Freilich würde die Jäger-Komparserie im gewöhnlichen Anzug erscheinen, denn nur für die Hauptpersonen konnte der alte Feher Kostüme schneidern. Aber das nahm ich in Kauf, falls ich nur eine Flinte bekam, um mich gestreckten Armes darauf zu stützen, — weiß jedoch heute nicht mehr zu sagen oder erfuhr nicht, ob die Aufführung zustande kam. Teil an ihr hatte ich jedenfalls nicht, wahrscheinlich, weil bei aller Begierde Scheu des Herrensöhnchens, soziales Vorurteil mich hinderte, das Haus des jüdischen Schneiders am Fluß zu besuchen . . . .
Später dann, in Tertia, war Einer, mit dem der Schulhof mich ebenfalls oftmals kordial verbunden sah, — eines koscheren Schlächters Sohn und der lustigste Bursche von der Welt, ohne jegliche Spur des melancholischen Zuges, der diesem Volk durch seine Geschichte eingeprägt worden und der auch bei Carlebach und Fehér deutlich genug hervorgetreten war, mich auch wohl unbewußt angezogen hatte, — der lustigste Junge, sage ich, zutunlich, menschenfreundlich und ohne Arg, schlank übrigens, mager, so daß die Lippen das einzige Volle in seiner Erscheinung waren, und mit strahlenden Lächelfältchen an den äußeren Winkeln der mandelförmigen Augen. Sein Bild ist mir geblieben, weil in ihm mir zuerst der Typus des durchaus vergnügten Juden entgegentrat, der mir später noch öfter begegnet ist. Sogar bin ich geneigt, zu glauben, daß heutzutage Vergnügtheit als Grundverfassung unter Juden häufiger ist, als unter UrEuropäern — Angelegenheit dies der Rassenfrische und einer neiderregenden Fähigkeit zum Lebensgenuß, die diese Menschen für manche etwa fortwirkende äußere Benachteiligung wohl entschädigen mag. — Der schon etwas taprige Rechenlehrer bezeichnete meinen heiteren Freund unverbrüchlich als »den Schüler Lissauer«, obgleich er durchaus anders hieß, nämlich Goßlar; und nie vergesse ich das strahlend nachsichtige Lächeln, mit dem Goßlar die Schwäche des Christengreises gelten und es sich behagen ließ, zweimal wöchentlich Lissauer zu heißen. „Wenn der Schüler Lissauer das Fazit hat“, krächzte der Alte, „so möge er es uns doch sagen.“ Und mit unglaublicher, für meine lahmen Begriffe wirklich unfaßlicher Geschwindigkeit war Goßlar mit dem Fazit bei der Hand — ein Rechner ersten Ranges, der schnellste und sicherste, den ich je kannte. Mit dieser Disposition des Kopfes aber, die zur allgemeinen Helligkeit und Lustigkeit seines Wesens stimmte, entbehrte er keineswegs des Sinnes für minder scharfe Geistesbetätigungen, eine vielmehr so träumerische und dazu so irreguläre, wie das Versemachen, dem ich oblag. Denn für den linkischen Pomp der Balladen, die ich ihm mit wohl begründetem Vertrauen insgeheim unterbreitete und von denen eine, mit der Zeile beginnend: „Tief in Romas finsterstem Gefängnis“, die Geschichte des Pätus und der Arria behandelte, zeigte er eine intelligente und vorurteilslose, wenn auch mit einiger Ironie gemischte Teilnahme, deren ich mich sonst auf dem weiten Klinkerhof nirgends, weder bei Mitgefangenen, noch gar bei den Oberen zu versehen hatte.
Aber beinahe so ist es fortgegangen! Kann ich dafür? Riemer, Goethes Verhältnis zum Judentum streifend, erklärt: „Auch waren die Gebildeten unter ihnen meist zuvorkommender und nachhaltiger in der Verehrung sowohl seiner Person wie seiner Schriften als viele seiner Glaubensgenossen. Sie zeigen überhaupt in der Regel mehr gefällige Aufmerksamkeit und schmeichelnde Teilnahme als ein Nationaldeutscher, und ihre schnelle Fassungsgabe, ihr penetranter Verstand, ihr eigentümlicher Witz machen sie zu einem sensibleren Publikum, als leider unter den zuweilen etwas langsam und schwer begreifenden Echt- und Ur-Deutschen angetroffen wird.“ — Ich bitte tausendmal um Entschuldigung, aber das ist genauestens meine Erfahrung; und wo ist der irgend etwas bedeutende Künstler und Schriftsteller, der sie nicht mit mir teilte? Ich vergesse nicht, daß dem allerlei entgegensteht. Es ist im Laufe der Jahre zwischen meiner Natur und der jüdischen zu schlimmen Konflikten gekommen und mußte wohl dazu kommen. Wir haben einander böses Blut gemacht. Die boshaftesten Stilisierungen meines Wesens gingen von Juden aus; die giftig- witzigste Negation meiner Existenz kam mir von dort. Aber ein Jude war es ja auch, der gesagt hat, der Todestag Goethes sei der Geburtstag der deutschen Freiheit, und doch bleibt bestehen, was Riemer schrieb, es hat in großen wie kleinen Fällen und auch in meinem nicht aufgehört, sich zu bewähren. Juden haben mich „entdeckt“, Juden mich verlegt und propagiert, Juden haben mein unmögliches Theaterstück aufgeführt; ein Jude, der arme S. Lublinski, war es, der meinen „Buddenbrooks“, die anfangs doch nur mit saurer Miene begrüßt wurden, in einem links-liberalen Blatte prompt die Verheißung gab: „Dieses Buch wird wachsen mit der Zeit und noch von Generationen gelesen werden.“ Und wenn ich in die Welt gehe, Städte bereise, so sind es, nicht nur in Wien und Berlin, fast ohne Ausnahme Juden, die mich empfangen, beherbergen, speisen und hätscheln.
Kann ich es ändern? — Ich frage aber weiter: Muß ihre „gefällige Aufmerksamkeit und schmeichelnde Teilnahme“ nicht mehr als belanglose Nerven-Wohltat bedeuten? Hat sie nicht sachliches Gewicht, und bietet sie mir nicht irgendwie eine wirkliche Gewähr meines Wertes? Denn es ist ja nun einmal so und kann nicht geleugnet werden, daß, was in Deutschland nur den Echt- und Urdeutschen behagt, von den Juden aber verschmäht wird, kulturell nicht recht in Betracht kommen will,— während es doch durchaus nicht so liegt, daß etwa die Juden ausschließlich oder auch nur vorzugsweise das ihnen Verwandte stützten und förderten. Kerr wird niemals Carl Sternheim lieben und feiern, wie er Hauptmann liebt und feiert, und das nationale Piedestal, auf dem dieser heute steht, ist von Juden errichtet worden. Darum ist denn kein Irrtum törichter als der, zu meinen, was den Juden gefalle, müsse jüdisch sein, wie es der völkische Professor Bartels beharrlich meint. Tatsache scheint vielmehr, daß nur das Deutsche, das auch den Juden gefällt, als höheres Deutschtum in Betracht kommt, während umgekehrt die echtstämmigen Bourgeoisien Europas schlechtes jüdisches Wesen, als da war: Meyerbeer, Offenbach und Blumenthal, sich öfters nur zu gut haben gefallen lassen.
Da ich Adolf Bartels nannte. . . Die Hypothese, mein Bruder und ich seien Juden, hat dieser Forscher, soviel ich sehe, fallen lassen. Immerhin erklärt er in seinem neuesten literarischen Handbuche, ich hätte mich während des Krieges zwar, in den „Betrachtungen eines Unpolitischen“, zum Deutschtum bekannt, offen gestanden aber glaube er, Bartels, mir mein Deutschtum nicht recht. Ich weiß, warum, und werde mich dran gewöhnen müssen. Bleibt es aber dabei, daß man völkische Professoren auch durch ein deutsches Bekenntnis nicht versöhnt, falls es Geist hat, während man es mit den Juden selbst durch die äußerste Störrigkeit in Sachen der radikalen Demokratie nicht verdirbt, falls diese Störrigkeit eben nur Geist hat, — dann möge man doch ein Einsehen haben und keine antisemitischen Meinungen von mir verlangen!
Mit Vorstehendem ist auf die schwierige MittelsteIlung zwischen Deutschtum und europäischem Intellektualismus angespielt, die ich während des Krieges mir als mein Schicksal bewußt zu machen hatte, und an der sich mein Abenteurertum bewährt. Denn man ist Abenteurer damit, daß jedes Schicksal einem recht ist, wenn es nur überhaupt eines ist; so steht es mit mir. Auch mein Verhältnis zum Judentum war von jeher abenteurerhaft-weltkindlich: ich sah darin eine pittoreske Tatsache, geeignet, die Farbigkeit der Welt zu erhöhen. Klingt das allein unverantwortlich ästhetizistisch, so darf ich hinzufügen, daß ich auch ein ethisches Symbol darin sah, eines jener Symbole der Ausnahme und der hohen Erschwerung, nach denen man mich als Dichter des öfteren auf der Suche fand. Ein Arzt mit dem „unsympathischen“ Namen Sammet sagt irgendwo bei mir: „Kein gleichstellendes Prinzip, wenn ich mir diese Bemerkung erlauben darf, wird je verhindern können, daß sich inmitten des gemeinsamen Lebens Ausnahmen und Sonderformen erhalten, die in einem erhabenen oder anrüchigen Sinn vor der bürgerlichen Norm ausgezeichnet sind. Der einzelne wird gut tun, nicht nach der Art seiner Sonderstellung zu fragen, sondern in der Auszeichnung das Wesentliche zu sehen und jedenfalls eine außerordentliche Verpflichtung daraus abzuleiten. Man ist gegen die regelrechte und darum bequeme Mehrzahl nicht im Nachteil, sondern im Vorteil, wenn man eine Veranlassung mehr, als sie, zu ungewöhnlichen Leistungen hat.“ Das ist Romantik, ich gebe es zu. Aber die Auffassung des Judentums als einer aristokratisch-romantischen Tatsache, ähnlich dem Deutschtum, war nun einmal früh schon nach meinem Sinn, und am wenigsten angenehm waren mir immer jene Dissimulanten und Verdrängungskünstler unter den Juden, die bereits in der Tatsache, daß jemand ein so markantes Phänomen wie das jüdische nicht geradezu übersieht und aus der Welt leugnet, Antisemitismus erblicken.
Einmal habe ich eine ganze Judengeschichte geschrieben, desselben Sinnes, — die Novelle eines wild verzweifelten Zwillingspaares und seiner Gefühlsverwirrung aus Üppigkeit, Einsamkeit und Haß. . . Wälsungenblut! Es kommt darin die anspielungsreiche Beschreibung einer Aufführung von Wagners „Walküre“ vor, und wenn gelegentlich von dem „verhaßten, respektlosen und gotterwählten Geschlecht“ die Rede ist, das im Schoß des geretteten Weibes „zähe fortkeimt“, und aus welchem ein Zwillingspaar, den plump-regelrechten Gatten betrügend, „seine Not und sein Leid zu so freier Wonne vereint“, — so ist auch das Verwirrung: des Lesers nämlich, der nicht mehr weiß, von welchem Geschlechte denn eigentlich die Rede ist. Thomas Theodor Heine hat das Buch illustriert, — eine Verbindung, die man in Weimar als bedeutungsvoll notiert haben wird. Aber, du großer Gott, was kommen denn auch in meinem Leben nicht alles für Verbindungen vor!
Denn ein andermal wieder bin ich anläßlich des jüdischen Motivs ja sogar in Verse verfallen.
Wie in Venedig zuerst, in Traumgenügen und Wonne,
So noch einmal wallte das Herz mir, zehn Jahre später—
Märchenosten! Traum vom Morgenland! Damals, mein Schützling.
Als ich, jugendlich willig zum Rausch, auf der süßen Gestalt ließ
Ruhen mein Auge, da fiel Dir das Los, es rief Dich die Stimme
In die Zeit . . . .
Die Hexameter schickte ich Ihnen schon einmal. Sie sind anerkannt schlecht, aber schön sind sie doch, — wenn auch außerdem zynisch in ihrer abenteurerhaft-unverantwortlichen Verleugnung aller großen Gesichtspunkte, wie zum Beispiel des rassenpolitischen. Allein was verlangt man! Des gemischtesten Volkes Sohn, bin ich selber Mischling noch einmal, lateinischen Geblütes zu einem Vierteil; Mittelalterlich-Deutsch-Bürgerliches, das entzückt erwachte, als ich jetzt eben die Türme meiner Totentanz-Heimat festlicher Weise wiedersah, kreuzt sich in mir mit minder Würdigem, Modern-Demokratischem, den Instinkten des psychologisierenden Allerwelts-Romanciers. Was verschlägt es, daß meine Kinder nun auch noch einen goldnen Kuppel-Traum vom Märchen-Osten und Morgenland im Blute hegen? Mögen sie als unvollkommene Versuchsexemplare jener „eurasisch-negroiden Zukunftsrasse“, von der die Literaten träumen, auf dem Wege des Fortschritts wandeln. . . .
Dieser Weg ist nicht völlig der meine, wie ich auf sechshundert Seiten auseinanderzusetzen suchte: doch wäre es unwahrhaftig, nähme ich die Gelegenheit nicht wahr, zu erklären, daß die kulturelle Reaktion, in der wir stehen, und von der der Hakenkreuz-Unfug ein plump populärer Ausdruck ist, meinen Bedürfnissen wenig entgegenkommt. Einer solchen Reaktion haben unsere ententegläubigen Kriegssaboteurs sich von einem deutschen Waffensiege versehen, aber nach dem triumphalsten noch hätte Roheit nicht ärger ins Kraut schießen können, als sie es unter gegenteiligen Umständen getan, und wenn es jedenfalls so kommen mußte, so hätten wir doch lieber gleich siegen sollen! Niemand hat unter dem moralischen Zusammenbruch von 1918, dem schaurig-radikalen Irrewerden des Deutschtums an sich selbst, der allgemeinen Waffenstreckung vor der Lügenideologie des westlichen Rhetor- Bourgeois qualvoller gelitten, als ich. Mein ganzes Herz gehört der Jugend, die heute, entschlossen, weder „Rom“ noch „Moskau“ als ihre Wahrheit und Wirklichkeit anzuerkennen, zwischen Ost und West das Deutsche sucht. Wenn es aber wahr ist, daß Münchner Studenten Gastvorlesungen eines großen Gelehrten, des „neuen Newton“, wie englische Liberalität ihn genannt hat, hintertrieben haben, weil dieser Mann erstens ein Jude ist und weil er zweitens, beheimatet in Sphären höchster und reinster Abstraktion, den pazifistischen Ausgleich der Völker befürwortet hat, — so ist das eine entsetzliche Schande, und ich begehre, wie es beim alten Claudius heißt, „nicht schuld daran zu sein“.
Ein Volk, das Unrecht leidet, sollte in seinem Innern mit der Gerechtigkeit auf besonders guten Fuß zu kommen suchen. Aber in dem antisemitischen Treiben und Beschuldigen ist keine Spur von Gerechtigkeit. Wer hat im Kriege und nachher bräver gewuchert und gescheffelt als der stämmige Bauersmann? Waren etwa und sind die Greuel der Konjunktur-Ausbeutung, der volksverräterischen Schieberei und Bereicherungswut ein Vorrecht der Artfremdheit? Man sollte sich schämen! Wer will den Ursprung des Weltelends datieren, wer sagen, wo die Sackgasse begann, an deren dunklem Ende wir tasten und wimmern? Die religiöse Spaltung Europas, Revolution, Demokratie, Nationalismus, Internationalismus, Militarismus, Dampfmaschine, Industrie, Fortschritt, Kapitalismus, Sozialismus, Materialismus, Imperialismus, — die Juden waren nur Weggenossen, Mitschuldige, Mitopfer . . . Nein, sie waren des öfteren Führer, dank ihren Geistesgaben, dank aber namentlich dem Umstande, daß sie das Neue immer und unbedingt für gut halten mußten, da ein Neues, die Revolution, ihnen Freiheit gebracht hatte. Die Geschichte vom Sündenbock ist eine alte tiefsinnige Geschichte, auf welche die Deutschen sich verstehen sollten. Trägt man der Welt Sünde, so zeugt es von wenig Stolz, partout wieder einen anderen in eine weitere Wüste schicken zu wollen.
Die Juden haben, wie Goethe sagt, als Volk „nie viel getaugt“, was schon die liebe Not beweist, die ihre Propheten beständig mit ihnen hatten. Ihr typischer Charakter hat seine Unannehmlichkeiten, er hat sogar seine Gefährlichkeit, — welcher Volkscharakter wiese übrigens nicht dergleichen auf? Jedes einzelne der europäischen Völker ist auf seine besondere Art dem Erdteil zum Verhängnis geworden. Die Juden aber zeichnet eines aus, was sie, man muß es sagen, unter Deutschen „artfremder“ erscheinen läßt, als ihre Nase: Es ist ihre eingeborene Liebe zum Geist, — diese Liebe, die sie gewiß nicht selten zu Führern auf dem Sündenwege der Menschheit gemacht hat, die ihnen aber die nicht Gang und gäben, die Leidend-Hochbedürftigen, die Künstler, die Dichter und Schriftsteller, immer zu Schuldnern und Freunden machen wird. Von Dostojewski sagt Strachow, sein Biograph: „Denn er liebte die Literatur, und diese Liebe war der wichtigste Grund, weshalb er nicht sogleich zu den Slawophilen überging. Er empfand doch lebhaft die Feindseligkeit, mit der sich dieselben von jeher ihren Prinzipien gemäß zur zeitgenössischen Literatur verhielten.“ Muß Konservativismus immer die Sache der Höhlenmenschen, der geistfeindlichen Roheit sein? Oft denkt man, es wäre nicht nötig. In mir ist vieles, was mich zum erhaltenden Deutschtum zieht. . . . Ihre Liebe zum Geist, ihre habituelle Freundwilligkeit für alles Zarte, Kühne, Feine und Freie wird mich den Juden immer verbinden.
Da habe ich wieder einmal „Rede und Antwort“ gestanden.
Darf ich mich setzen?
Quelle: Thomas Mann, „Zur jüdischen Frage“ (1921), Essays, Band 2, Hrsg. Hermann Kurzke und Stephan Stachorski. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag, 1993, S. 85–95.