Quelle
[…]
Die Steuergesetze können freilich nur die Form geben, Steuern selbst bringen sie nicht. Diese werden nur gebracht durch Arbeit. Unermüdliche Arbeit ist der Segenbringer für die Einzelperson wie für das Reich. Von den Menschenrechten haben wir viel gesprochen und viel gehört. Die Menschenpflichten müssen wieder in ihre Rechte eingesetzt werden. Ewig wahr bleibt das alte biblische Wort: „Der Mensch ist zur Arbeit geboren wie der Vogel zum Flug.“ Das war mein Lebensprinzip. Ich rühme mich, daß ich ein Mann der Arbeit bin – keiner meiner politischen Gegner wird mir das bestreiten können —, ein Mann der Arbeit, der das „ora et labora“ stets hochgehalten hat als Segenbringer für das Volk wie als Grundlage jeder Kultur. Das Wort: „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“, muß der Grundsatz der deutschen Republik sein. Arbeit ist wahre Vaterlandsliebe. Nur eine Rettung gibt's für unser Volk: in schwerer Arbeit „rückwärtsblickend vorwärts schauen“.
Was an mir liegt, so bin ich bereit, durch mein Amt den neuen Geist, der unser Staats- und Volkswesen tragen und erneuern soll, wahrzumachen. Der Worte sind genug gewechselt worden. Unter dem alten Regiment waren tausend Quellen nationalen Bewußtseins und Zusammengehörigkeitsgefühls verschlossen. Das muß jetzt anders werden. Der Ruf zur Einigung und nationalen Erneuerung darf nicht von der teuflichen Parole „Haß und Rache“ ausgehen, sondern von dem göttlichen Wort des ewigen Rechts. Nur Recht und Gleichberechtigung geben die Grundlage für die Gemeinschaft, sowohl im internationalen wie im nationalen Leben. Die nationale Gerechtigkeit kommt aber in erster Linie zum Ausdruck in einem sozialen Steuersystem.
Den Reichtum hat uns der Krieg genommen. Die Welt hat uns die internationale Gerechtigkeit versagt; um so leidenschaftlicher und energischer aber wollen wir arbeiten für eine in Gerechtigkeit wieder aufblühende Heimat und all unser Sorgen und Mühen widmen: dem armen, aber gerechten Deutschland. Wenn unser Volk in allen seinen Schichten jetzt nicht mit allen Kräften an die Arbeit geht, sind wir rettungslos verloren. Das muß dem deutschen Volke endlich zu vollem Bewußtsein kommen. Leisten Sie, Meine Damen und Herren von der Nationalversammlung, rasche und ganze Arbeit! Geben Sie hierdurch dem Volke das edelste Beispiel vaterländischer Pflichterfüllung, damit der schwere Ausstieg aus hartem Kriegsleid zu Friedensglück — das zwar stark getrübt — sofort beginnen kann. Gerechtigkeit, Arbeit und Vaterland müssen der helltönende Dreiklang sein, der das neue Deutschland einläutet und bessere Zeiten ankündet.
[…]
Quelle: Matthias Erzberger, „Einführungsrede und Übersicht der durch die neuen Vorlagen gekennzeichneten Budget- und Steuergestaltung”, Nationalversammlungs-Drucksachen, 50. Sitzung; abgedruckt in: Reden zur Neuordnung des deutschen Finanzwesens, Reichsminister der Finanzen, Matthias Erzberger. Berlin: Verlag von Reimar Hobbing, 1919, S. 19.