Quelle
Wählen dürfen, heißt: wählen müssen.
Was uns auch gelungen,
Was wir auch begehrt.
Was wir
nicht errungen,
Ward uns nicht beschert.
Gegenüber all den Frauen, denen die Wahlberechtigung wie eine reife Frucht in den Schoß gefallen zu sein scheint, weil sie ihrer Erkämpfung gleichgültig oder gar ablehnend gegenüberstanden, kann dieses nicht genug hervorgehoben werden: es gibt in einer auf Arbeit gegründeten Entwicklung keine Zufälle. Ein ersehntes Ziel kann langsam oder überraschend schnell oder auch nie erreicht werden. Und wenn dieses Ziel, das Wahlrecht der Frauen, mit Plötzlichkeit erreicht worden zu sein scheint, so liegt das nur in dem verschiedenen Tempo der einzelnen Entwicklungsphasen einer langjährigen zähen Arbeit.
Ihr aber, welche Ihr dieser Vorarbeit fernstandet, werdet das Ergebis derselben vielleicht nicht in dem Sinne bewerten können wie die Frauen, welche die Entwicklung ihrer Kämpfe mit Hangen und Bangen, manchmal fast mit Hoffnungslosigkeit verfolgten. Euch und uns ist beschert worden, was wir durch fortgesetztes emsiges Schaffen errungen haben. Nun helft uns, das Erworbene wirklich zu besitzen. Ihr steht heute nicht mehr vor der Frage, ob Ihr zum Wählen geeignet oder befähigt seid, sondern vor der kategorischen Forderung, Euch diese Eignung und Befähigung zu erwerben, damit Ihr Euer Wahlrecht ausüben könnt. „Du kannst, denn Du sollst!“ Und wählen dürfen heißt: wählen müssen. Frauen erwerbt Euch Euer Recht durch Erfüllung Eurer Pflicht!
Klara Reichmann. Königsberg
Quelle: Klara Reichmann, „Wählen dürfen, heißt: wählen müssen“, Frauen-Rundschau. Beilage der Königsberger Hartungschen Zeitung, Nr. 1, Jan, 1, 1919, S. 1.