Kurzbeschreibung

Der deutsch-jüdische Schriftsteller Curt Riess (1902-1993) wurde in den 1920er Jahren Sportkorrespondent und später Redakteur der linksliberalen Zeitung 12 Uhr Blatt in Berlin sowie ein produktiver Reiseschriftsteller, Film- und Theaterkritiker, bevor er 1933 aus Deutschland emigrierte. 1902 in Würzburg geboren, wuchs er in Berlin auf und erlebte dort als Jugendlicher die Revolution von 1918. Bis zur Revolution von 1918 hatte Riess‘ Vater Verträge mit Adelshöfen im gesamten Kaiserreich, um die feudal aussehenden Uniformen der zahlreichen Bediensteten zu liefern. Dieser Markt verschwand in der Republik schnell, aber Riess erinnerte sich nicht an eine feindselige Haltung gegenüber dem Geschäft seines Vaters, nicht einmal auf dem Höhepunkt der revolutionären, antimonarchistischen Begeisterung.

Riess reflektiert hier auch über seine persönlichen Erfahrungen mit der Hyperinflation, die Deutschland in den frühen 1920er Jahren heimsuchte. Er erinnerte sich daran, dass sein Vater für maßgeschneiderte Anzüge nun auf Zahlung in US-Dollar bestand, von denen Riess dann selbst einen Teil für zwei Wochen Kuraufenthalt in der Nähe von Dresden verwendete, während er sich von einer Krankheit erholte. Indem er jeden Tag zur richtigen Zeit einen einzigen Dollar umtauschte, lebte Riess wie ein König und schaffte es dennoch nicht, die gesamte Summe in Mark auszugeben, die ihm dieser eine Dollar eingebracht hatte.

Curt Riess über Revolution und Inflation (Rückblick, 1990)

Quelle

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ln Weimar wurde die Revolution dann sehr schnell sanktioniert. Eine Regierung entstand. Der Erste Vorsitzende der sozialdemokratischen Partei, Friedrich Ebert, ein gutmütiger, anständiger Mann, der aber keine politischen Visionen hatte und überhaupt keine Ausstrahlung besaß, wurde der erste Präsident der Republik.

Also eine höchst unblutige Revolution. Und fast ohne Leidtragende.

Zu den wenigen Leidtragenden glaubte mein Vater zu gehören. Sein Geschäft basierte seit seinem Bestehen auf der Lieferung von Livreen an die diversen Fürstenhöfe. Es hatte ja zahlreiche „Höfe“ gegeben: den Kaiserhof, den Hof des Kronprinzen, den sächsischen Königshof, den württembergischen Königshof, den bayerischen Königshof und viele, viele andere. Und sie alle hatten eine Menge Lakaien, und die mußten natürlich uniformiert werden. Am Vormittag anders als am Nachmittag, am Nachmittag anders als an Galaabenden; anders zur Jagd, anders im Sommer, anders im Winter, anders bei vielen weiteren Gelegenheiten.

Mir ist noch in Erinnerung, daß es im Geschäft meines Vaters eine Kammer gab, deren Inhalt nur aus Knöpfen bestand. Denn natürlich gab es auf den Livreen oder Uniformen Knöpfe, meist goldfarbige, auf die das betreffende fürstliche Wappen eingestanzt war. Es gab Hunderte, nein Tausende von solchen Knöpfen in dieser Kammer.

Und vor dem Laden meines Vaters prangten die Embleme der verschiedenen Höfe, deren „Hoflieferant“ er war.

Als die Revolution ausgerufen wurde, eilten mein Vater und seine Sozii ins Berliner Regierungsviertel, um ihr „Geschäft“ zu schützen. Sie erwarteten, daß die Revolutionäre sich über ihre Livreen hermachen, vielleicht sogar den ganzen Laden zerschlagen würden. Aber nichts dergleichen geschah. Es gab eine Menge Passanten, die mehr oder weniger eilig an dem Laden vorbeigingen. Keiner dachte daran, Anstoß an den fürstlichen Emblemen zu nehmen. Sie hingen noch lange dort. Soviel ich weiß, während der gesamten Dauer der Weimarer Republik.

Doch spürten wir Deutschen bald, daß sich etwas verändert hatte. Kurz nach Kriegsende begann nämlich die Inflation. Zu Anfang schien es sich um eine Inflation in Maßen zu handeln, bis sie nach zwei, drei Jahren eine Inflation von Ausmaßen geworden war, die in der Weltgeschichte einmalig waren. Der Wert einer Mark sank innerhalb eines Tages auf die Hälfte des Wertes vom Vortag, dann auf ein Zehntel, ein Hundertstel, ein Tausendstel, bis schließlich ein Laib Brot Milliarden kostete.

Es ist sehr viel über diese Inflation geschrieben worden, die kleine Sparer zugrunde richtete, aber auch die Leute mit großem Vermögen, die sich von ihren Geschäften zurückgezogen hatten. Die Industrie dagegen, die Sachwerte besaß, kam entweder mit einem blauen Auge davon oder profitierte sogar von der Inflation. Ich erinnere mich, daß ein Großindustrieller namens Hugo Stinnes in jenen Tagen ganze Schiffahrtslinien, ganze Hotelketten, ganze Straßen mit Mietshäusern aufkaufte. Er machte einen Vertrag zu soundso viel Millionen, um diese Millionen ein paar Wochen später zu zahlen, wenn sie nur noch Pfennige wert waren.

Diejenigen aber, die alles verloren, waren in der großen Mehrheit. Was uns persönlich anging – mein Vater begriff erst, woran er war, als er feststellen mußte, daß die Rechnung für 3,20 Meter Tuch, aus dem ein Anzug gemacht werden konnte, höher war als die Rechnung, die er einem Kunden für den Anzug ausstellen konnte. Von diesem Tag an fertigte er nur noch Anzüge gegen Dollar an. So blieb ihm sein Geschäft erhalten. Aber nicht jeder deutsche Kaufmann reagierte so schnell. Viele gingen zugrunde.

Und wie stand es um die sogenannten kleinen Leute, die Gehaltsempfänger? Sie mußten am Ende des Monats feststellen, daß sie sich für den Lohn, den sie erhielten, so gut wie nichts mehr kaufen konnten. Um diesem Desaster abzuhelfen, wurde es zur Regel, daß Angestellte und Arbeiter nicht mehr monatlich bezahlt wurden, sondern wöchentlich, dann jeden dritten Tag, schließlich täglich. Dann sausten sie mit Erlaubnis der Geschäftsleitung oder auch der Betriebsleitung in die nahen Geschäfte und kauften ein. Und die Geschäftsinhaber brachten das eingenommene Geld so schnell wie möglich auf die Bank und kauften dafür, wenn irgend möglich, fremde Währungen, vor allem Dollar, Pfund oder Schweizer Franken.

Ich erinnere mich noch, wie grotesk die Zustände wurden, weil ich sie am eigenen Leib zu spüren bekam. Ich war krank geworden, und ich sollte zur Erholung in den „Weißen Hirsch“, den damals noch feudalen Kurort oberhalb von Dresden. Mein Vater hatte mir für vierzehn Tage vierzehn Dollar mitgegeben, in Scheinen, die man in Mark umwechseln konnte. Er hatte mir eingeschärft, jeden Tag zu warten, bis der jeweils neue Dollarkurs verkündet wurde. Das war so um 15 Uhr.

Um 15 Uhr wechselte ich also einen Dollar und bekam dafür die entsprechende Marksumme und konnte die tägliche Pensionsrechnung bezahlen, auch die Straßenbahn nach Dresden, eine Karte für die Oper oder das Schauspielhaus und die Fahrt zurück. Und das alles für einen Dollar, wenn ich überhaupt den ganzen Dollar, will sagen die Unsummen an Mark, innerhalb von 24 Stunden ausgeben konnte.

Und dann wartete ich wieder bis drei Uhr mittags, wechselte wieder einen Dollarschein ein und bekam einen Haufen Geld. Natürlich erhöhte auch die Pension ihre Tagesrechnungen, die elektrische Straßenbahn ihre Gebühren, natürlich mußte man auch für einen Platz im Opernhaus im Laufe von zwei Wochen mehr und mehr zahlen. Aber so schnell konnten die Behörden mit ihren Preisen gar nicht nachziehen, wie die Mark stürzte.

Freilich, ich war in einer bevorzugten Position. Wer konnte schon von Dollarscheinen leben?

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Quelle: Curt Riess, „Weltbühne Berlin: Der Film, das Kabarett, der Bubikopf – Blitzlichter aus der ‘unzensierten‘ Reichshauptstadt“, in Alltag in der Weimarer Republik: Erinnerungen an eine unruhige Zeit, hrsg. von Rudolf Pörtner. Düsseldorf: ECON Verlag, 1990, S. 33–36.