Quelle
2. Februar [19]23
Lieber Onkel Kelley!
Soeben erhielt ich Ihr Einschreiben.
Inzwischen werden Sie ja von mir Nachricht erhalten haben, wie
weit ich mit „Pilgrims Progress“ und „Puritania“ bin. Mit
Professor Altmann habe ich bereits gesprochen, es geht ihm wieder
gut, und er hat sich ebenfalls ein deutsches Exemplar des
„Pilgrim“ ausgebeten. – Wir sind alle sehr erschrocken wegen Ihrer
kranken Augen! Hoffentlich ist es nichts schlimmes! Auf jeden Fall
von ganzem Herzen recht schnelle Genesung!! —
Nun zu Ihrem Check, für den wir alle recht herzlich danken! Nur
beträgt jetzt die Summe nicht mehr 10 Dollar, sondern nur etwa 3 ½
Dollar!! In so rasendem Tempo ist – hauptsächlich infolge der
Ruhrbesetztung die Mark entwertet worden!! Sie können sich danach
ungefähr die Steigerung aller Preise vorstellen!! Was ich heute
von Ihnen erhielt, sind ungefähr nach den hiesigen Preisen 25
Friedensmark. Ja, die Zustände sind viel schlimmer als sie in
Österreich jemals gewesen sind, und – wann das enden wird – weiß
niemand! Immer mehr wünsche ich, daß es Wahrheit werde, was Sie in
Berlin zu mir sagten, und daß Sie meine Frau und mich zu sich nach
Oxford herüberholen. Denn hier ist ein menschenwürdiges Leben
schon fast unmöglich. Überall hört man nur von Entlassungen und
Not reden. In unserem Hause, wo viele alte Damen mit Kleinen
Renten leben, stirbt fast jede [Woch]e eine an Entkräftung –
verhungert!!!
Milch kostet jetzt 560 Mark ein Liter. Die
armen, armen deutschen Kinder! Es wird das Wort Clemenceaus sich
erfüllen: 20 Millionen Deutsche sind zuviel auf dieser Welt! -- --
-- --
Ja, noch etwas von mir: Vor etwa 3 Monaten, gerade am Tag Ihrer Abreise wandte sich eine Weltfirma in Berlin an mich. Sie wollten ihr literarisches Büro umändern, und mich als Propagandachef engagieren. Ich nahm selbstverstä[ndlich] an, weil der Dienst dort nur bis 4 Uhr nachmittags gewesen wäre und ich unsere Arbeiten dann immer noch bequem hätte machen können.
Doch jetzt – nach 3 Monaten, hat die Firma mir absagen müssen. Sie haben jenes Büro vollständig eingehen lassen, weil die Kosten zu hoch sind! – Ein kleines, aber bezeichnendes Bild! – Und dazu der Überfall Frankreichs auf das Ruhrgebiet, Deutschland ohne Kohlen und Eisen!! – Lieber Onkel Kelley, lassen Sie mich schweigen, von dem was mein Vaterland, was wir alle leiden. Gebe Gott, daß er es Ihnen vergelte, was Sie an uns dreien gutes tun!
Herzlichste viele Grüße von uns allen
an Mrs. Kelley und
Sie und Dank
für alles bisher und das, was kommen wird.
Ihr treugehorsamer
Wolfgang
Die Briefe gehen übrigens sehr langsam, etwa 20 Tage!!
d. 17 Februar [1923]
Lieber Onkel Kelley!
Der beiliegende Artikel der heutigen
Mittagszeitung wird sicher auch drüben von Interesse sein. Ich
kann seine Angaben noch um etwas ergänzen. Allerdings weiß ich,
die amerikanischen Preise nicht, aber nach dem augenblicklichen
Dollarstande (von 19000) Kosten die wichtigsten Lebensmittel:
Aus der [unleserlich] von heute:
Fleisch: 15 bis 18 cents
für ein Pfund
Fett (Butter etc.) : 30 bis 35 cents für ein
Pfund
1 Ei = 2 cents !!!
Fische: 6 bis 15 cents für ein
Pfund
1 Brot = 20 cents
Kohlen: 45 cents für 1
Zentner
Berlin ist glattweg irrsinnig geworden!! —
— Bitte aber diese Zeilen nicht falsch aufzufassen. Sie sollen mir als Beweis dafür dienen, was ich bisher schrieb. –
Morgen werde ich mit der „Beklebung“ der 48 Pilger beginnen, das Musterexemplar ist fertig.
Herzlichste Grüße für Mrs. Kelley
und Sie von Ihrem
getreuen
Wolfgang
Dem Brief beigefügter Artikel aus der Mittagszeitung vom 17. Februar 1923
Der Patriotismus des Preisabbaues.
Einschränkung der
Warenkredite durch die Großbanken.
Die Geschäftsstille Berlins, die nun schon Wochen anhält, hat sich in den letzten Tagen zu einer wahren Friedhofstille entwickelt. – Die letzte Kategorie von Käufern, die bisher noch übrig geblieben war, die reichste deutsche Oberschicht und die Ausländer, sind nun glücklich auch verschwunden. Die einen, weil ihre letzten Börsenverluste selbst ihnen Luxuskäufe verbieten — und bei der beharrlichen Nichtangleichung der Ladenpreise an den neuen Markwert wird jeder Kauf zum sinnlosen Luxus — und die anderen, weil Berlin heute in einer ganzen Anzahl von Geschäftsartikeln die weitaus teuerste Stadt der Welt geworden ist. Um nur ein paar Beispiele herauszuziehen:
In einem großen Seidengeschäft forderte man noch gestern für weiße Hemdblusenseide mittlerer Qualität pro Meter 165 000 Mark oder 8 ½ Dollar, also für die zu einer Bluse erforderlichen zwei Meter 17 Dollar, für welchen Preis man in New York schon drei bis vier sehr gut geschnittene und genähte Damenblusen aus sehr guter chinesischer Seide erhält.
Für einen ganz einfachen eisernen 2-Liter Kochtopf wurden gestern noch 30 000 Mark oder 1,60 Dollar gefordert; in New York bekam man ehedem solche Töpfe sogar in Woolworths 5- und 10-Cents-Basar, und sie kosten drüben auch heute nicht über 60 Cents.
Für Schuhe werden hier noch immer 60 000 bis 120 000 Mark oder 3 ½ bis 6 ½ Dollar gefordert, während wir eben in einer New-Yorker Zeitung ein Inserat finden, worin ein Broadway-Geschäft Schuhe aller bekannten amerikanischen Marken zum Einheitspreis von 3,95 Dollar anbietet.
Man braucht dabei wohl niemandem die ungeheuren Unterschiede in Ladenmiete, Löhnen usw. zwischen New York und Berlin erst noch vorzurechnen. Das Charakteristischste ist das Verhalten einiger großer Herrenschneider: bis zur vorigen Woche forderten sie die Bezahlung der Importstoffe in Pfundrechnung, mit der Erklärung, sie müßten sie in Pfundnoten bezahlen und müßten sich daher noch am Tage des Verkaufes wieder mit der gleichen Anzahl von Pfundnoten eindecken. Heute fordern sie Bezahlung des Tuches in Mark, wobei sie den Pfundkurs der vorigen Woche der Berechnung zugrunde legen!
Ganz deutlich kann man bei jedem Kaufversuch merken, daß dies alles nicht so sehr aus bewußter Profitgier, sondern aus einem aus dem Gleichgewicht geratenen Geschäftsgehirn geschieht. Wenn man den Preis beanstandet, so wird der Verkäufer hysterisch und schreit: „Sie werden das nächste Woche noch sehr billig finden — wenn der Dollar wieder hoch ist.“ Sie sind sichtlich bis zur Ueberlegungslosigkeit verwirrt von der Angst, daß nach dem kurzen Spuk der Markbesserung der Dollarsprung morgen schon wieder eintritt. Devisenspekulanten und Devisenhamsterer predigen ihnen das täglich tausendmal: „Nur durchhalten (nur selber -durchhalten, nicht Deutschland durchhalten lassen!), die Reichsbank kann schon nicht mehr, sie hat schon aufhören müssen.“
Quelle: Edgar Stillman Kelley Collection, Western College Memorial Archives, Oxford, Ohio, Box No. 17, Letters 1922–1924.