Kurzbeschreibung

Die deutsche Nachkriegs-Finanzkrise gipfelte im Herbst 1923 in der bis dahin schlimmsten Hyperinflation weltweit. Nur wenige Deutsche konnten verstehen, was in jenem Jahr um sie herum geschah, doch das Währungschaos, das ihr Leben durcheinanderbrachte, hatte seine Wurzeln bereits neun Jahre zuvor, zu Beginn des Krieges, als Deutschland beschloss, einen großen Teil seines aufgeblähten Militärhaushalts durch das Drucken von mehr Geld zu finanzieren. Diese Druckerpressen liefen auch nach dem Krieg weiter, als die Öffentlichkeit neue Forderungen an die Regierung stellte, um Kriegswitwen, Waisen und kriegsversehrte Veteranen zu unterstützen. Im Januar 1923 veranlassten neue Ausgaben die Regierung, die Druckmaschinen auf Hochtouren laufen zu lassen, was wiederum die Inflation verschlimmerte. In diesem Monat besetzten französische und belgische Truppen das industrielle Kernland Westdeutschlands, um Deutschland zur Zahlung von Kriegsreparationen zu zwingen. Die deutsche Regierung rief die Bewohner dieser Region zum passiven Widerstand auf, d. h. dazu, die Arbeit niederzulegen, und versprach, sie dafür zu bezahlen. Die Inflation eskalierte und erreichte ihren Höhepunkt im November, als die Preise oft an einem einzigen Tag um ein Vielfaches stiegen, so dass mancherorts aus Verzweiflung auf Tauschhandel oder alternative Währungen zurückgegriffen wurde.

Diese beiden Briefe vom Februar 1923, die ein lediglich als Wolfgang bekannter Verfasser aus Berlin (womöglich ein ehemaliger Schüler Kelleys aus seiner Berliner Zeit) an den amerikanischen Komponisten Edgar Stillman Kelley schrieb, veranschaulichen, wie die Preisspirale in Deutschland in dieser Zeit oft alle Gedanken und Überlegungen verschlang. In beiden Briefen, die im Abstand von nur zwei Wochen geschrieben wurden, geht es fast ausschließlich um die wirtschaftlichen Nöte, mit denen Wolfgang und seine Frau täglich konfrontiert waren, einschließlich der Kosten für viele lebensnotwendige Dinge an diesem Tag. Da Lebensmittel immer unerschwinglicher wurden, forderten Hunger und Krankheit immer mehr Menschenleben, was Wolfgang zu der bitteren Bemerkung veranlasste, dass die berühmte Bemerkung des französischen Premierministers Georges Clemenceau auf der Konferenz von Versailles, es gäbe „20 Millionen Deutsche zu viel“, vielleicht bald nicht mehr zutreffen würde.

Gleichzeitig formulierte Wolfgang die Briefe so, dass er hoffte, zusätzliche Hilfe von „Onkel Kelley“ zu erhalten. Er bedankte sich bei ihm für den Scheck über 10 Dollar, merkte dann aber an, dass das Geld nicht ganz so weit reiche, wie Kelley angenommen hatte, womöglich in der Hoffnung, dass er mehr schicken würde. Noch unverhüllter ist Wolfgangs Appell an Edgar Stillman Kelley, ihn und seine Frau nach Oxford, Ohio, zu holen, wo Kelley lebte, und er merkte an, dass er wegen der wirtschaftlichen Turbulenzen gerade entlassen worden war. Der zweite Brief enthielt neben einer Aufzählung der unverschämten Preiserhöhungen auch einen Artikel aus der Tageszeitung, in dem es darum ging, dass die Waren in Deutschland viel teurer waren als in Amerika.

Wolfgang bezog sich in beiden Briefen auch auf „Pilgrim's Progress“, die berühmteste Komposition von Edgar Stillman Kelley – ein Oratorium, das 1918 in Cincinnati uraufgeführt wurde und auf einem Text von Elizabeth Hodgkinson (die sich auf John Bunyans Werk stützte) basiert. Kelley hatte eine Kopie des Textes und der Noten an Wolfgang geschickt, der es offenbar einem deutschen Publikum nahebringen wollte.

Briefe nach Amerika beschreiben die Hyperinflation in Berlin (Februar 1923)

Quelle

2. Februar [19]23

Lieber Onkel Kelley!
Soeben erhielt ich Ihr Einschreiben. Inzwischen werden Sie ja von mir Nachricht erhalten haben, wie weit ich mit „Pilgrims Progress“ und „Puritania“ bin. Mit Professor Altmann habe ich bereits gesprochen, es geht ihm wieder gut, und er hat sich ebenfalls ein deutsches Exemplar des „Pilgrim“ ausgebeten. – Wir sind alle sehr erschrocken wegen Ihrer kranken Augen! Hoffentlich ist es nichts schlimmes! Auf jeden Fall von ganzem Herzen recht schnelle Genesung!! —

Nun zu Ihrem Check, für den wir alle recht herzlich danken! Nur beträgt jetzt die Summe nicht mehr 10 Dollar, sondern nur etwa 3 ½ Dollar!! In so rasendem Tempo ist – hauptsächlich infolge der Ruhrbesetztung die Mark entwertet worden!! Sie können sich danach ungefähr die Steigerung aller Preise vorstellen!! Was ich heute von Ihnen erhielt, sind ungefähr nach den hiesigen Preisen 25 Friedensmark. Ja, die Zustände sind viel schlimmer als sie in Österreich jemals gewesen sind, und – wann das enden wird – weiß niemand! Immer mehr wünsche ich, daß es Wahrheit werde, was Sie in Berlin zu mir sagten, und daß Sie meine Frau und mich zu sich nach Oxford herüberholen. Denn hier ist ein menschenwürdiges Leben schon fast unmöglich. Überall hört man nur von Entlassungen und Not reden. In unserem Hause, wo viele alte Damen mit Kleinen Renten leben, stirbt fast jede [Woch]e eine an Entkräftung – verhungert!!!
Milch kostet jetzt 560 Mark ein Liter. Die armen, armen deutschen Kinder! Es wird das Wort Clemenceaus sich erfüllen: 20 Millionen Deutsche sind zuviel auf dieser Welt! -- -- -- --

Ja, noch etwas von mir: Vor etwa 3 Monaten, gerade am Tag Ihrer Abreise wandte sich eine Weltfirma in Berlin an mich. Sie wollten ihr literarisches Büro umändern, und mich als Propagandachef engagieren. Ich nahm selbstverstä[ndlich] an, weil der Dienst dort nur bis 4 Uhr nachmittags gewesen wäre und ich unsere Arbeiten dann immer noch bequem hätte machen können.

Doch jetzt – nach 3 Monaten, hat die Firma mir absagen müssen. Sie haben jenes Büro vollständig eingehen lassen, weil die Kosten zu hoch sind! – Ein kleines, aber bezeichnendes Bild! – Und dazu der Überfall Frankreichs auf das Ruhrgebiet, Deutschland ohne Kohlen und Eisen!! – Lieber Onkel Kelley, lassen Sie mich schweigen, von dem was mein Vaterland, was wir alle leiden. Gebe Gott, daß er es Ihnen vergelte, was Sie an uns dreien gutes tun!

Herzlichste viele Grüße von uns allen
an Mrs. Kelley und Sie und Dank
für alles bisher und das, was kommen wird.

Ihr treugehorsamer
Wolfgang

Die Briefe gehen übrigens sehr langsam, etwa 20 Tage!!

d. 17 Februar [1923]

Lieber Onkel Kelley!
Der beiliegende Artikel der heutigen Mittagszeitung wird sicher auch drüben von Interesse sein. Ich kann seine Angaben noch um etwas ergänzen. Allerdings weiß ich, die amerikanischen Preise nicht, aber nach dem augenblicklichen Dollarstande (von 19000) Kosten die wichtigsten Lebensmittel:

Aus der [unleserlich] von heute:
Fleisch: 15 bis 18 cents für ein Pfund
Fett (Butter etc.) : 30 bis 35 cents für ein Pfund
1 Ei = 2 cents !!!
Fische: 6 bis 15 cents für ein Pfund
1 Brot = 20 cents
Kohlen: 45 cents für 1 Zentner

Berlin ist glattweg irrsinnig geworden!! —

— Bitte aber diese Zeilen nicht falsch aufzufassen. Sie sollen mir als Beweis dafür dienen, was ich bisher schrieb. –

Morgen werde ich mit der „Beklebung“ der 48 Pilger beginnen, das Musterexemplar ist fertig.

Herzlichste Grüße für Mrs. Kelley
und Sie von Ihrem getreuen
Wolfgang

Dem Brief beigefügter Artikel aus der Mittagszeitung vom 17. Februar 1923

Der Patriotismus des Preisabbaues.
Einschränkung der Warenkredite durch die Großbanken.

Die Geschäftsstille Berlins, die nun schon Wochen anhält, hat sich in den letzten Tagen zu einer wahren Friedhofstille entwickelt. – Die letzte Kategorie von Käufern, die bisher noch übrig geblieben war, die reichste deutsche Oberschicht und die Ausländer, sind nun glücklich auch verschwunden. Die einen, weil ihre letzten Börsenverluste selbst ihnen Luxuskäufe verbieten — und bei der beharrlichen Nichtangleichung der Ladenpreise an den neuen Markwert wird jeder Kauf zum sinnlosen Luxus — und die anderen, weil Berlin heute in einer ganzen Anzahl von Geschäftsartikeln die weitaus teuerste Stadt der Welt geworden ist. Um nur ein paar Beispiele herauszuziehen:

In einem großen Seidengeschäft forderte man noch gestern für weiße Hemdblusenseide mittlerer Qualität pro Meter 165 000 Mark oder 8 ½ Dollar, also für die zu einer Bluse erforderlichen zwei Meter 17 Dollar, für welchen Preis man in New York schon drei bis vier sehr gut geschnittene und genähte Damenblusen aus sehr guter chinesischer Seide erhält.

Für einen ganz einfachen eisernen 2-Liter Kochtopf wurden gestern noch 30 000 Mark oder 1,60 Dollar gefordert; in New York bekam man ehedem solche Töpfe sogar in Woolworths 5- und 10-Cents-Basar, und sie kosten drüben auch heute nicht über 60 Cents.

Für Schuhe werden hier noch immer 60 000 bis 120 000 Mark oder 3 ½ bis 6 ½ Dollar gefordert, während wir eben in einer New-Yorker Zeitung ein Inserat finden, worin ein Broadway-Geschäft Schuhe aller bekannten amerikanischen Marken zum Einheitspreis von 3,95 Dollar anbietet.

Man braucht dabei wohl niemandem die ungeheuren Unterschiede in Ladenmiete, Löhnen usw. zwischen New York und Berlin erst noch vorzurechnen. Das Charakteristischste ist das Verhalten einiger großer Herrenschneider: bis zur vorigen Woche forderten sie die Bezahlung der Importstoffe in Pfundrechnung, mit der Erklärung, sie müßten sie in Pfundnoten bezahlen und müßten sich daher noch am Tage des Verkaufes wieder mit der gleichen Anzahl von Pfundnoten eindecken. Heute fordern sie Bezahlung des Tuches in Mark, wobei sie den Pfundkurs der vorigen Woche der Berechnung zugrunde legen!

Ganz deutlich kann man bei jedem Kaufversuch merken, daß dies alles nicht so sehr aus bewußter Profitgier, sondern aus einem aus dem Gleichgewicht geratenen Geschäftsgehirn geschieht. Wenn man den Preis beanstandet, so wird der Verkäufer hysterisch und schreit: „Sie werden das nächste Woche noch sehr billig finden — wenn der Dollar wieder hoch ist.“ Sie sind sichtlich bis zur Ueberlegungslosigkeit verwirrt von der Angst, daß nach dem kurzen Spuk der Markbesserung der Dollarsprung morgen schon wieder eintritt. Devisenspekulanten und Devisenhamsterer predigen ihnen das täglich tausendmal: „Nur durchhalten (nur selber -durchhalten, nicht Deutschland durchhalten lassen!), die Reichsbank kann schon nicht mehr, sie hat schon aufhören müssen.“

Quelle: Edgar Stillman Kelley Collection, Western College Memorial Archives, Oxford, Ohio, Box No. 17, Letters 1922–1924.