Kurzbeschreibung

Liselotte Funcke (1918-2012) war eine prominente westdeutsche Politikerin der Freien Demokratischen Partei (FDP), die von 1969 bis 1979 Vizepräsidentin des Bundestages war. 1918 in Hagen geboren, erlebte sie den größten Teil der Weimarer Republik als viertes von fünf Kindern einer wohlhabenden Fabrikantenfamilie. Ihr Vater und Onkel leiteten ein Familienunternehmen, das Schrauben und Bolzen herstellte.

In diesen Passagen reflektiert Liselotte Funcke über die Möglichkeiten und Erwartungen, die junge Frauen aus der Mittelschicht in der Weimarer Republik in Bezug auf Bildung, politisches Engagement und Beruf hatten. Sie verweist auch auf den Unterschied zwischen ihrer Situation und derjenigen der jungen Frauen, die im Haushalt ihrer Familie als Hausangestellte arbeiteten. Obwohl Funcke damals zu jung war, um sich an die Hyperinflation von 1923 zu erinnern und vermutlich auch zu der Bevölkerungsgruppe gehörte, die weniger stark betroffen war, erinnerte sie sich daran, wie diese Erfahrung zu einem Lied führte, das ihre Schwestern und ihr Bruder ihr beibrachten. Während der Wirtschaftskrise der 1930er Jahre war Funcke bereits alt genug, um sowohl die Bedrohung für die Firma ihres Vaters als auch für die deutsche Demokratie durch den Aufstieg der NSDAP zu verstehen.

Liselotte Funcke über Lebensperspektiven für junge Frauen (Rückblick, 1990)

Quelle

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Wir hatten Personal im Haus. Die Löhne waren seinerzeit denkbar niedrig. Wenn ich es richtig in Erinnerung habe, erhielt ein „Hausmädchen“ neben Kost, Logis und Versicherungen 20 Reichsmark bar im Monat. Dazu kamen gelegentlich kleine Sonderzahlungen, etwa nach dem Hausputz oder zu Weihnachten. Für die Arbeitszeit gab es keine festgelegten Grenzen. Sie richtete sich nach den Erfordernissen des großen Haushalts mit zum Teil unregelmäßigen Tischzeiten des Vaters oder der Schulkinder.

Trotz dieser äußeren Bedingungen war es nicht schwer, Kräfte für den Haushalt zu gewinnen. Denn für Mädchen gab es seinerzeit nur begrenzte Möglichkeiten der Erwerbsarbeit. Besonders für diejenigen, die mit vierzehn Jahren die „Volksschule“ verließen, gab es nur Ausbildungsmöglichkeiten in der Schneiderei, im damals noch zahlenmäßig begrenzten Friseurhandwerk oder in kaufmännischen Berufen. Die meisten hatten höchstens die Wahl zwischen Verkäuferin, Haushaltshilfe (damals Dienstmädchen genannt) oder Fabrikarbeiterin. In die Fabrik zu gehen, scheuten sich aber viele, denn der Ton, insbesondere Frauen und Mädchen gegenüber, war damals sehr rauh, und entsprechend galt der Ruf von Fabrikarbeiterinnen als gefährdet.

Geld aber mußten die meisten jungen Mädchen verdienen, einmal um die Eltern zu entlasten, besonders auch solche aus Sozialschichten, die durch die Inflation ihren finanziellen Rückhalt verloren hatten; zum anderen aber, um für die spätere Heirat die Aussteuer zu ersparen; denn es galt seinerzeit als üblich, daß der Mann seinen kontinuierlichen Lohn, die Frau die Haushaltseinrichtung in die Ehe einbrachten.

Meine Mutter war sparsam und mußte es sein. Denn als persönlich verantwortlicher Gesellschafter haftete mein Vater für alle betrieblichen Verbindlichkeiten mit seinem gesamten Vermögen. Das wurde in der Wirtschaftskrise nach 1929 zu einem beängstigenden Problem, da niemand wissen konnte, ob die Firma gerettet werden könnte. Ich erinnere mich, daß ich damals von meiner Mutter eine Ohrfeige bekam, als ich für meine ständig wachsenden Füße neue Schuhe forderte, sie dafür aber kein Geld ausgeben wollte.

An die Inflation bis 1923 erinnere ich mich kaum noch, doch sangen wir das Lied mit, das damals überall zu hören war und uns von den älteren Geschwistern beigebracht wurde:

„Dollar und Markschein
schwammen auf dem See,
Markschein ging unter,
Dollar in die Höh'.
Kam ein großer Haifisch,
fraß den Markschein auf,
und nun hört das Steigen,
des Dollar nicht mehr auf.“

Zu Beginn des Jahres 1923, als ich viereinhalb Jahre alt war, wurden meine ältere Schwester Wilma und ich in einen nahe gelegenen Kindergarten geschickt. Dieser Versuch endete für mich noch am selben Tag, denn ich erklärte, es sei nicht schön da, man sänge keine Weihnachtslieder. So wenig stichhaltig diese Begründung auch im Januar war, man akzeptierte meinen Entschluß, zu Hause bleiben zu wollen. Mag sein, daß man meine Zähigkeit im Wollen und Verweigern kannte, wahrscheinlicher ist, daß meine Mutter ganz froh war, daß meine jüngere Schwester nicht allein zurückblieb. Später, als meine Schwester mit allerlei Bastelarbeiten vom Kindergarten zurückkam, habe ich es wohl etwas bereut, so schnell aufgegeben zu haben, doch habe ich meine Entscheidung nicht rückgängig gemacht.

Mit fünfdreiviertel Jahren wurde ich, wie zuvor meine Geschwister, in eine Privatvorschule (Grundschule) geschickt, in der schon meine Eltern das Einmaleins gelernt hatten. Sie bot für die Jungen die Möglichkeit, bei ausreichenden Schulleistungen und bestimmter Förderung bereits nach drei Jahren auf das Gymnasium überzuwechseln. Offenbar hielt man Mädchen für weniger begabt, denn eine entsprechende Vereinbarung mit dem Lyzeum gab es nicht.

Die Schule war für mich kein tiefgreifend neues Erlebnis, kannte ich doch von den Erzählungen meiner Geschwister nicht nur die Namen der Lehrer, sondern auch ihre Erziehungsmethoden und die Lerninhalte. So soll ich, wenn wir zu Hause „Schule“ spielten, die Lehrerin gewesen sein, weil ich die Fragen und Rechenaufgaben schon nennen konnte, ohne die Antworten und Ergebnisse zu wissen. Ich merkte ja aus der Reaktion der Geschwister, ob diese richtig oder falsch waren, und konnte entsprechend Lob und Tadel verteilen.

Zu Beginn meiner Schulzeit hörte ich zum erstenmal etwas vom Streik. Die Lehrer an den öffentlichen Schulen streikten, und da durften sich die Privatschullehrer nicht ausschließen. Zuerst dachte ich, es handele sich um einen Hörfehler, denn ich kannte lediglich das Wort „Streit“. Nur mühsam begriff ich, was „Streik“ bedeutete.

Sonst hörten wir von Politik wenig. Es galt das Gebot, daß über Geld und Politik bei Tisch nicht geredet wurde. Zudem war meine Mutter politisch wenig interessiert, und mein Vater, wenn er da war, schwieg zumeist.

Doch es gab Streiflichter. Ich erinnere mich, daß meine Großmutter uns Kinder vom Fenster wegriß, als ein Zug Kommunisten mit Musik die Straße heraufzog. Auch bewegte mich das Schicksal der Arbeitstosen zu Beginn der dreißiger Jahre sehr, so daß ich – zwölfjährig – meinen ersten literarischen Preis mit einer Weihnachtsgeschichte in der Zeitung errang, in der am Heiligen Abend ein Arbeitsloser Arbeit fand. Die Geschichte wurde mit ein paar Schlittschuhen honoriert, doch hat mich seitdem die soziale Frage nicht mehr losgelassen, so daß ich sie zum Thema des Wahlfachs Geschichte im Abitur wählte.

Zu Beginn der dreißiger Jahre gab mein Vater seine vielfältigen Ämter und Funktionen im wirtschaftspolitischen Raum auf. Es war nicht abzusehen, ob sich die Firma in der Krise würde halten lassen. Und da es unter Kaufleuten als unehrenhaft galt, zum Konkursrichter gehen zu müssen, wollte er die Wirtschaftsverbände nicht belasten. Für uns Kinder bedeutete es, daß der Vater häufiger zu Hause war, aber sorgenvoll und einsilbig, zumal als die politischen Ereignisse auf eine Berufung Hitlers zum Reichskanzler zuliefen.

1932 diskutierten wir im Geschichtsunterricht lebhaft über Politik. Unser Studienrat, der vermutlich SPD wählte, hielt sich zurück. Die bescheidene Munition von uns Obertertianerinnen war das, was wir an Argumenten von zu Hause oder aus der Zeitung mitbekommen hatten: deutschnationale, liberale, nationalsozialistische. Der Streit hat unserer Freundschaft keinen Abbruch getan, doch unsere Diskussionsfreudigkeit gestärkt. Mit vierzehn Jahren fühlt man sich auf jeden Fall im Recht.

Als die Weimarer Zeit zu Ende ging, war ich in der neunten Klasse. Es stand für mich fest, das Abitur zu machen. Meine Eltern machten keinen Unterschied in der Schul- und Berufsausbildung zwischen Jungen und Mädchen, obwohl sie – wie wir Schwestern – davon ausgingen, daß wir einmal heiraten und Hausfrauen sein würden. So hatten wir freie Hand in der Entscheidung über unseren späteren Beruf.

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Quelle: Liselotte Funcke, „‘Dollar und Markschein schwammen auf dem See…‘ Über Geld und Politik wurde nicht gesprochen – Leitsätze einer großbürgerlichen Familie“, in Alltag in der Weimarer Republik: Erinnerungen an eine unruhige Zeit, hrsg. von Rudolf Pörtner. Düsseldorf: ECON Verlag, 1990, S. 574–77.