Kurzbeschreibung

Dieses Grußwort an die Besucher des Oktoberfestes 1932 in München – gedruckt auf der Innenseite des offiziellen Programms – erschien auf dem Höhepunkt der Wirtschaftskrise und der politischen Polarisierung in Deutschland zu jener Zeit. Die in Reimpaaren verfasste Botschaft stellte die Veranstaltung des Festes in jenem Jahr als einen Sieg über die Pessimisten dar. Die Menschen brauchten jetzt mehr denn je Ablenkung, argumentierten die Organisatoren des Oktoberfestes, vor allem in Städten wie München, wo die Not am größten war. Außerdem sahen sie es als eine Frage des Bürgerstolzes an, dass acht kleinere Städte in Bayern ihre Festtradition beibehalten hatten. Das Oktoberfest kämpfte noch immer damit, sich von den Absagen während des Ersten Weltkriegs und der Hyperinflation zu erholen, und die Organisatoren wollten zweifellos vermeiden, es erneut absagen zu müssen.

Die Botschaft enthielt zudem einen ausdrücklichen Appell an alle, die noch Geld hatten, etwas davon auf dem Oktoberfest auszugeben. Die Botschaft stellte diese Ausgaben als Teil des Gesellschaftsvertrags dar und ging sogar so weit, dass sie jeden, der dies nicht tat, als „Schuft“ bezeichnete. Solche Appelle waren in den frühen 1930er Jahren gang und gäbe, als die Unternehmen in einer Zeit sinkender Verbraucherausgaben um ihr Überleben kämpften. Die Arbeitslosigkeit in Deutschland erreichte 1932 mit über 6 Millionen Arbeitssuchenden, d. h. etwa 30 % der Erwerbsbevölkerung, ihren Höhepunkt, und die Arbeitslosenquote der Stadt München lag noch über dem Landesdurchschnitt.

Die Begrüßungsbotschaft endet mit einem Hinweis auf die frustrierenden Ergebnisse der zahlreichen Wahlen in diesem Jahr, welche die öffentliche Unsicherheit über die künftige Richtung Deutschlands nur noch verstärkt hatten. Obwohl die Deutschen 1932 nicht an vier Reichstagswahlen teilnahmen – der Verfasser der Botschaft machte hier wahrscheinlich von der dichterischen Freiheit Gebrauch, um das Versmaß beizubehalten –, wählten sie in zwei Wahlgängen im Frühjahr den Reichspräsidenten sowie Ende Juli und Anfang November einen neuen Reichstag. Außerdem wählten die Bayern nur zwei Wochen nach der letzten Runde der Präsidentschaftswahlen im April ihr Landesparlament. Mit anderen Worten: Wahlkampf und Wahlen hatten das Jahr bestimmt.

Grußwort im Programm zum Oktoberfest (1932)

Quelle

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Beinah hätten die Wiesengegner gesiegt
Und wir wieder einmal kein Oktoberfest kriegt;
Unwillig hörte man viele sagen:
„Was will man mit Festen in so notigen Tagen?
Das Oktoberfest ist doch nichts anderes als eben
Eine Gelegenheit zum Geldausgeben!“ —
Natürlich! Das soll es vor allem auch sein:
Die Einen geben aus, die Andern nehmen ein.
Wer Geld hat im Beutel, der lasse es springen,
Wer keins hat, dem wird das so nicht gelingen.
Ein Schuft ist, wer sitzen bleibt auf den Moneten,
Die den Andern so sehr vonnöten!
Tausende warten voll Sehnsucht drauf,
Daß die Reichen machen den Geldsack auf.
Die Meisten können ja so nur bescheiden
Genießen die üblichen Wiesenfreuden.
Aber trotz Dalles wollen wir mitnichten
Auf unser liebes Oktoberfest verzichten!
Je größer die Trübsal, das Elend, die Not,
Umsomehr wird Ablenkung zum Gebot.
Augsburg, Weilheim, Moos und Grafing
Mühldorf, Freising, Rosenheim und Pasing
Haben ihre Volksfeste gehalten;
Warum soll München denn aus sich schalten?

G’rad in der Großstadt tut’s bitter not,
Zu folgen dem Grundsatz „Vergnügen und Brot.“
ln der Wüste der Trübsal ist nicht gut grasen,
Dafür gibt es Feste darin, als Oasen,

So ist’s zu allen Zeiten gewesen:
Nur am Frohsinn können wir wieder genesen!
Und dazu ist’s Oktoberfest gerade recht,
Ein Volksfest, „wie kein zweites“, schön und echt. —
Wieder erstand voll berückendem Zauber
Unsere Budenstadt, schmuck und sauber. —
Und Abends, im blendenden Lichterschimmer
Dies Märchenwunder vergißt man nimmer!
Drum sei betont hier von uns Allen
Unser Oktoberfest lassen wir nicht fallen,
Daran lassen wir niemals rütteln
Ob die Gegner auch verneinend die Köpfe schütteln. —
Viermal hat man uns heuer schon
Zur Reichstagswahl geschickt
Und jedesmal ist die Einigung
Trotz aller Müh’ mißglückt;
Wer weiß, wie das noch weiter geht,
Drum folget mir — es ist das Best —
Und wählt nun bis auf weiteres
Nur mehr ’s Oktoberfest!

Quelle: Münchner Oktoberfest 1932, Programmheft, S. 5, digitalisiert durch Münchener DigitalisierungsZentrum (Digitale Bibliothek). Online verfügbar unter:
https://www.bavarikon.de/object/bav:BSB-MDZ-00000BSB00048887?lang=de