Quelle
Gegen 8 Uhr am zweiten Abend, nach 40-stündiger Fahrt hatten wir die Hälfte des Weges hinter uns. Wir befanden uns etwa 200 Seemeilen westlich der Azoren, über die unser Schiff wie eine Märchenerscheinung am Nachmittag hinweggezogen war. Abgesehen von einer mäßig starken Regenböe an der spanischen Küste hatten wir bis dahin sehr schönes Wetter gehabt, Meeresstille und glückliche Fahrt.
Jetzt schien es anders werden zu wollen. Der in einer dunstigen Atmosphäre aufgehende Vollmond ergoss ein gelbliches Licht über eine unruhig atmende See. Eine stärkere Dünung kam aus Südwesten und der südliche Wind nahm an Stärke zu und drehte langsam westlich. Man musste erkennen, dass westlich von uns schlechtes Wetter herrschte.
Ungeheure Wolkenmassen trieben in fantastischen Gestaltungen schwer und tief über dem Wasser. Und wir fuhren zwischen ihnen wie durch riesige Tore und Schluchten ins Zwielicht des Mondes hindurch. Es wurde sehr schwül. Wir zogen die Jacken aus und öffneten ein paar Fenster mehr in der Führergondel.
Gegen Mitternacht wehte eine starke Südwestbrise. Die See ging mit weißen Köpfen und ein schwerer Regen trieb in die Führergondel hinein. Wir kamen nur sehr langsam voran und mussten überrechnen, ob bei Verschlechterung der Wetterlage unsere Betriebsmittel reichen, denn es waren noch reichlich 3.000 Kilometer bis nach New York.
Das Ergebnis unserer Berechnung war nicht sonderlich erfreulich. Wir suchten deshalb drahtlose Verbindung mit den beiden amerikanischen Kreuzern aufzunehmen, die südlich der Neufundlandbank ausgelegt waren, um uns Wettermeldungen zu übermitteln. Aber mehrere Stunden hindurch war unser Bemühen vergeblich, denn starke luftelektrische Störungen machten eine Verständigung unmöglich.
Erst gegen 5 Uhr morgens, nach einer unruhigen Nacht in schweren Regenböen, gelang es uns, eine klare Meldung aufzunehmen. Sie besagte, dass eine barometrische Depression nordwestlich von uns im Süden der Neufundlandbank liegen müsse. Wir beschlossen daraufhin, sie im Osten und Norden zu umfahren, um dabei Nutzen aus mitlaufenden Winden zu ziehen.
So gingen wir jetzt auf fast nördlichen Kurs ab. Mit beschleunigter Fahrt ging es jetzt vorwärts. Am Vormittag kamen wir bereits in eine ruhigere Zone und kurz nach Mittag trafen wir auf den erwarteten östlichen Wind. Dieser wuchs schnell an Stärke, wie wir weiter nördlich kamen und bald konnten wir mit einem strammen Ostwind im Rücken mit einer Geschwindigkeit von 170 bis 180 Kilometer in der Stunde auf unser Ziel lossteuern.
Wir kamen an die Nebel der Neufundlandbank, die sich unabsehbar wie eine graue Mauer vor uns breiteten. Um in Licht und Sonne zu fahren, gingen wir über sie hinauf. Höher und höher wuchsen sie vor uns auf. In Türmen und Schroffen von bizarren Formen wie ein Gebirge. Wir mussten schließlich bis auf 2000 Meter Höhe emporsteigen, um das grauwobende Gebilde unter uns zu lassen.
Die Sonne ging unter und übergoss diese luftige Gebirgswelt mit flammendem Rot und leuchtendem Gelb. Es war eine Märchenfahrt von unvergesslichem Zauber. Als wir nach Dunkelwerden von unserer Höhe durch Wolken und Nebel in die Nacht hinunterstiegen, sahen wir uns unten über einer weiß schäumenden, tobenden See, die ein heftiger Nordoststurm aufrührte. Es gab jetzt noch eine mehrstündige Fahrt durch wildwirbelnde Böen, die das Schiff sozusagen auf Herz und Nieren prüften.
Aber das brave Fahrzeug meisterte spielend die Wut der Elemente. Um 11 Uhr passierten wir die Feuer von Sable Island. Und um Mitternacht schimmerte die Perlenkette der Lichter von der Küste Neubraunschweigs zu uns herüber. Der neue Erdteil war in Sicht. Um vier Uhr überflogen wir das schlafende Boston und scheuchten durch den Donner unserer Motoren die Bewohner aus den Betten.
Um sieben Uhr lagen wir vor dem Hafen von Neu-York. Die Fahrt von der Gironde-Mündung bis Sandy Hook hatte genau 70 Stunden gedauert. Es empfing uns unter dem Heulen von 10.000 Sirenen und Dampfpfeifen die Begeisterung des amerikanischen Volkes, dass uns, dem deutschen Volke, eine erste Huldigung nach dem Kriege darzubringen sich entschlossen hatte.
Quelle: Hugo Eckener, Bericht über die Atlantiküberquerung mit dem Zeppelin ZR III (LZ 126), Oktober 1924. Deutsches Rundfunkarchiv K001125395