Kurzbeschreibung

Am 12. November 1918, einen Tag nach der Unterzeichnung des Waffenstillstands, verkündete der Rat der Volksbeauftragten, dass Frauen von nun an das Wahlrecht haben. Zwei Wochen später, am 30. November, trat ein neues Reichswahlgesetz in Kraft, mit dem das aktive und passive Wahlrecht für Frauen gesetzlich verankert wurde, d. h. das Recht, zu wählen und selbst zu kandidieren. Bereits Anfang Januar nahmen Frauen in ganz Deutschland an den Landtagswahlen teil und ließen sich in die Kommunal- und Landesparlamente wählen. Am 19. Januar 1919 fanden die Wahlen zur Nationalversammlung statt, welche die Verfassung der neuen Republik ausarbeiten sollte.

Die Frauenrechtlerin Klara Reichmann vertrat in dieser kurzen Ansprache die Ansicht, dass Frauen nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht hätten, zu wählen. Reichmann war in einer angesehenen jüdischen Familie in Königsberg aufgewachsen, die sie und ihre Schwester zur Entfaltung ihrer Fähigkeiten ermutigt hatte, und hatte lange auf den Tag gewartet, an dem der Staat endlich anerkennen würde, dass Frauen die gleichen politischen Rechte wie Männer hatten. Reichmanns Schwester Helene Simon hatte bereits während des Krieges begonnen, sich politisch für Reformen der Wohlfahrtspflege einzusetzen, und wurde in den 1920er Jahren zu einer bedeutenden Theoretikerin der Sozialpolitik. Reichmanns Tochter Frieda hatte sich während des Krieges für die Chancen von Frauen in der klinischen Psychologie eingesetzt, was ebenfalls ein politischer Akt war, da sie eine der ersten Frauen in Deutschland war, die dies tat.

Reichmann und ihre Familie hatten sich an dem langen Kampf für das Frauenwahlrecht beteiligt, und so wusste sie zu schätzen, wie wichtig es war, in diesem historischen Moment von ihrem Wahlrecht Gebrauch zu machen. Sie äußerte jedoch die Befürchtung, dass andere Frauen die Bewegung, die sie über einen jahrzehntelangen Kampf an diesen Punkt gebracht hatte, gar nicht wahrnahmen und deshalb von ihrem Wahlrecht keinen Gebrauch machen würden. Letztlich hätte sich Reichmann jedoch keine Sorgen machen müssen. Mehr als 82 % der wahlberechtigten Frauen nahmen an der Wahl vom 19. Januar 1919 teil, ein bemerkenswert hoher Prozentsatz. Außerdem bewarben sich 300 Frauen um einen Sitz in der Versammlung, von denen 37 gewählt wurden. Trotz dieser Meilensteine machten die Frauen jedoch immer noch weniger als zehn Prozent der insgesamt 423 Abgeordneten in der Nationalversammlung aus, eine Tatsache, die deutlich machte, welche Anstrengungen noch nötig waren, um eine echte politische Gleichstellung zu erreichen.

Klara Reichmann, „Wählen dürfen, heißt: wählen müssen“ (Januar 1919)

Quelle

Wählen dürfen, heißt: wählen müssen.

Was uns auch gelungen,
Was wir auch begehrt.
Was wir nicht errungen,
Ward uns nicht beschert.

Gegenüber all den Frauen, denen die Wahlberechtigung wie eine reife Frucht in den Schoß gefallen zu sein scheint, weil sie ihrer Erkämpfung gleichgültig oder gar ablehnend gegenüberstanden, kann dieses nicht genug hervorgehoben werden: es gibt in einer auf Arbeit gegründeten Entwicklung keine Zufälle. Ein ersehntes Ziel kann langsam oder überraschend schnell oder auch nie erreicht werden. Und wenn dieses Ziel, das Wahlrecht der Frauen, mit Plötzlichkeit erreicht worden zu sein scheint, so liegt das nur in dem verschiedenen Tempo der einzelnen Entwicklungsphasen einer langjährigen zähen Arbeit.

Ihr aber, welche Ihr dieser Vorarbeit fernstandet, werdet das Ergebis derselben vielleicht nicht in dem Sinne bewerten können wie die Frauen, welche die Entwicklung ihrer Kämpfe mit Hangen und Bangen, manchmal fast mit Hoffnungslosigkeit verfolgten. Euch und uns ist beschert worden, was wir durch fortgesetztes emsiges Schaffen errungen haben. Nun helft uns, das Erworbene wirklich zu besitzen. Ihr steht heute nicht mehr vor der Frage, ob Ihr zum Wählen geeignet oder befähigt seid, sondern vor der kategorischen Forderung, Euch diese Eignung und Befähigung zu erwerben, damit Ihr Euer Wahlrecht ausüben könnt. „Du kannst, denn Du sollst!“ Und wählen dürfen heißt: wählen müssen. Frauen erwerbt Euch Euer Recht durch Erfüllung Eurer Pflicht!

Klara Reichmann. Königsberg

Quelle: Klara Reichmann, „Wählen dürfen, heißt: wählen müssen“, Frauen-Rundschau. Beilage der Königsberger Hartungschen Zeitung, Nr. 1, Jan, 1, 1919, S. 1.