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Sprecher: Einen Augenblick, meine Damen und Herren. Bitte treten Sie doch näher. Wollen Sie nicht Platz nehmen? Es wird Sie doch sicher interessieren, etwas über die Entwicklung des Hörspiels zu erfahren. Vielleicht wissen Sie, dass wir in Schlesien, der Schlesische Rundfunk, seit Jahren an der Entwicklung der Hörkunst arbeiten. Das Hörspiel ist nämlich...
Sprecher 2: Hörspiel? Glauben Sie wirklich an seine Existenz?
Sprecherin 3: Der Herr meint sicher die Theaterstücke, die gesendet werden. Die sehen wir uns lieber auf der Bühne an.
Sprecher 1: Nein, nein, nein, die meinen wir nicht. Die fehlen wohl nicht ganz im Programm der Sender, wie ja alles, was sich hörbar machen lässt, in den Bereich des Rundfunks gehört. Aber sein wesentliches Ziel liegt nicht darin, Mittler zu sein, sondern es liegt anderswo.
Sprecher 2: Na, dann sagen Sie doch, wo!
Sprecher 1: Also hören Sie einmal zu. Wir wollen Sie aber nicht durch ästhetische Theorien überzeugen, sondern durch Beispiele aus unserer Arbeit am Hörspiel in den letzten vier Jahren. Wissen Sie, was eine Hörfolge ist, um damit zu beginnen? Diese Form entstand aus der Erkenntnis, dass die Literatur, das Schrifttum, nur Material für den Rundfunk ist. Dass erst ein akustischer Einfall, eine akustische Durcharbeitung zu hörmäßiger Wirkung bringt. Einer der ersten Versuche auf diesem Wege war ,,Menschheitsdämmerung'', eine Hörfolge vom Weltkrieg von F.W. Bischof und Franz Josef Engel. Hören Sie daraus ein kurzes Bruchstück.
,,Es geht eine Schlacht mit schwerem Gang. Am Weichselfluss, am [unverständlich]. Die Stille redet tagelang. Wir wissen's nicht und wissen's doch, es geht der Allerseelenwind. Wir schreiten alle einen Schritt, und die wir fern vom Felde sind, wir kämpfen mit, wir sterben mit.
Auf dem Felde der Ehre gefallen, Musketier Karl Spring. Wo? Marneschlacht, Saint-Quentin.
Auf dem Felde der Ehre gefallen, Jean Moriac, Sous-Lieutenant. Wo ist er gestorben? Namur.
John Merrimore, Venkisher Regiment. Wo? Wo? Massengrab im Flanderschen Wald.
Wer noch? Millionen! Tod über der Welt.
1915. Die Fronten brodeln, rasen, dampfen. Das Land kämpft an der Drehbank, an der Maschine, am Eisenhammer, schafft Brot, Granatenbrot. Europa arbeitet nur noch für den Krieg.''
Sprecher: Bisher handelte es sich um die Hörfolge und um die Entwicklung des musikalischen Hörspiels. Nun bringen wir das reine, das völlig auf das Wort angewiesene Hörspiel zur Diskussion. Und zwar zunächst eine Gattung, die wir als Lehrstück bezeichnen. Weil darin bestimmte Zeitinhalte gestaltet und zur Debatte gestellt werden. Ein solches Stück schrieb in unserem Auftrage Otto Zoff, ,,Revolution in China''.
,,Was geht uns China an? Ganz meine Meinung, Herr Baumann, die Sorgen von den Reportern möchte ich haben! Versteifung des Geldmarktes, Kurs-Einbruch, wohin man blickt. Und da soll ich mir ausgerechnet wegen China graue Haare wachsen lassen? Meiner Ansicht nach ja, denn diese chinesische Frage ist eine Frage der Menschheit, Herr Müller.
Na, hören Sie mal, Frage der Menschheit. Ob die Engländer nun Shantungseide bei uns einführen oder nicht, das kann uns doch wahrhaftig piepe sein. Zugegeben, meinethalben, es kann uns aber nicht piepe sein, ob irgendwo in der Welt Gewalt für Recht gesetzt wird und noch dazu von Europäern, von uns.
Sie wollen doch nicht behaupten, dass...
Einen Augenblick, Herr Müller. Seit 1842, haben Sie sich diesen Zeitraum einmal klar gemacht?
Gewiss, was weiter?
... stehen die europäischen Kanonenrohre gegen die offenen Städte Chinas gerichtet.
Schön. Ich sage mir bloß, Herr Baumann, das wird seine Gründe haben.
Die hat es auch. Entweder ihr gebt uns, was ihr besitzt, oder wir nehmen es uns. Das sind die Gründe. Wir haben eure großen Hafenstädte besetzt. Ihr fordert sie für euch? Wir schießen. Ihr wollt euch nicht unserer Gerichtsbarkeit unterwerfen? Wir schießen. Euch passt unser Arbeitstarif in den Fabriken nicht? Wir schießen.
Barmherzigkeit, Herr Baumann. Was Sie mir da weismachen wollen, aber ich bitte Sie, das wäre ja gelacht. Solche Zustände gibt es ja nicht einmal im Mond.
Im Mond nicht, aber in China. Und so musste die Empörung gegen die Europäer endlich losbrechen. In Shanghai begann es, 1925.
Wieso gerade in Shanghai?
Zufall. Shanghai, das ist das Stichwort. In irgendeiner Fabrik ging es los.
Fabrikbesitzer]: Wang!
Ja,Herr?
Nachtschicht abgelöst?
Nachtschicht abgelöst, Herr.
Tagesschicht angetreten?
Tagesschicht angetreten, Herr.
Wang, sieh mal daher! Warum schläft das Kind hier?
Sie scheint vom Schlafe überrascht worden zu sein, Herr.
Aufwecken! Sofort!
Herr, jetzt? Ja, ja, Herr. Wie weckt man eine Blume auf, Herr?
Werde ich dir sofort zeigen. Den Stock!
Auf kleine Ying! Schnell schnell! Wach auf! Was ist denn?
Wang! Stock oder Peitsche. Nur her damit.
Nicht, nicht! Verzeihen Sie ihr, Herr. Nicht schlagen, nicht die Peitsche!
Die Peitsche!
Wenn ich mir einen bescheidenen Vorschlag erlauben dürfte, so wäre es der. Ich bitte, schlagen Sie mich. Ich hätte Sie nicht einschlafen lassen dürfen.
Hat sie sich verkochen? Wo ist sie denn? Ah, da bist du.
Ich habe den Ausführungen meiner Vorredner nichts Wesentliches hinzuzufügen. Ich will nicht mehr von der kleinen Ling sprechen, für die wir in den Streik getreten sind. Sie ist bloß eine von Tausenden. Ich will von uns allen sprechen, von ganz China, das für Europa, für Japan arbeitet, von all den Kindern, die 16 und 20 Schillinge pro Monat Lohn bekommen, dabei zwölfstündige Arbeitszeit das Minimum. Ihr wisst es aber, dass es japanische Fabriken gibt, in denen Kinder unter zwölf Jahren... Ich wiederhole, Kinder unter zwölf Jahren auch vierzehn Stunden arbeiten.
Achtung Achtung, New York, Diabelle 404. Aus Shanghai wird gemeldet dass die Gewerkschaften den Generalstreik beschlossen haben.''
Sprecher: Schnell noch ein Beispiel für die Verwendung des historischen Dokuments in der Hörfolgeform. Ein Ausschnitt aus der Konferenz in Spa von Dag M. Lippmann.
,,Meine Damen und Herren, wir befinden uns mitten im erregten Verlauf der Konferenz. Heute ist der 10. Juli 1920. Schon gestern Nachmittag begannen die Besprechungen über die Kohlenfrage, nachdem bereits die militärischen und Kriegsverbrecherfragen entschieden worden sind. Die Verhandlungen gestalteten sich dabei außerordentlich schwierig. Am gestrigen Tage wurde um 11.15 Uhr das sogenannte Entwaffnungsprotokoll von Reichskanzler Fehrenbach unterzeichnet. Der heutige Verhandlungstag wird nunmehr mit einer Rede des deutschen Reichsaußenministers Dr. Simons beginnen. Wir schalten jetzt auf die Villa La Fraineuse um, wo die Sitzung stattfindet.
Namens der deutschen Delegation möchte ich erklären, dass wir nach eingehender Beratung der zur Debatte stehenden Kohlenfrage zu der Ansicht gekommen sind, dass den Alliierten das Recht zu den gestern beschlossenen Maßnahmen nicht zustehe, da solche Maßnahmen, wie sie die Verhängung von Repressalien darstellen, nur zulässig sein können im Falle einer vorsätzlichen Nichterfüllung der Kohlenlieferung von deutscher Seite. Ein solcher Fall der Nichterfüllung liegt auf keinen Fall vor. Ich bitte Sie nunmehr Herrn Hugo Stinnes als Vertreter des deutschen Bergbaus anzuhören, der zu der Kohlenfrage sprechen wird.
Ich spreche stehend, damit ich meinen gegnerischen Delegierten in die Augen blicken kann. Ich möchte als Vorsitzender dieser Konferenz betonen, dass wir im Friedenszustand leben. Nun, Herr Millerand hat gestern erklärt, dass Sie, meine Herren, aus Courtoisie bereit seien, die deutschen Vertreter zu hören. Wer nicht von der Siegerkrankheit unheilbar befallen ist, weiß, dass es mit den jetzt üblich gewordenen Dezisionen nicht getan ist. Sie, meine Herren, sind das Ohr, durch das die europäische, ja die ganze Welt hören will, was wir Deutsche in einer europäischen Lebensfrage, die ohne unsere tatkräftige Mitwirkung nicht zu lösen ist, zu sagen haben.''
Sprecher: Im folgenden hören Sie die Schallplatte als Bericht als unerlässlichen Bestandteil der Handlung, als Handlung selbst. Die Schallplatte wird als Originalaufnahme aus einem Weberdorf, einem Steinbruch in die Handlung eingeblendet. Also: die Hörfolge als Bericht, Spiel und Dichtung in der gesteigerten Form, wie sie sich in der Reichssendung ,,Das ist Schlesien'' darstellt.
,,Mechanische Weberei Dierich, Langenbielau. Im Jahre 1781 wurde Christian Gottlob Dierich geboren, als Sohn eines Freihäuslers und Handwebers im Weberdorf Langenbielau in Schlesien. Wir öffnen die Tür zu dem großen Websaal. Hier stehen 600 Webstühle reihenweise dicht nebeneinander. Wir hören das ohrenbetäubende Dröhnen der Schackert-Stühle. Die Weblade gibt den Rhythmus der Arbeit, gibt das Geräusch den Schlag. In der Weblade saust das Weberschiffchen hin und her. Nicht Menschenhand betreibt diese Maschine. Aber noch heute sitzen Handweber uralt in den Dörfern am Eulengebirge. Vor den armseligen Hütten rauscht der Bergbach. Der Dorfbach rauscht, in den Hütten am Hang klappert der Webstuhl.
Guten Tag, Herr Hilse. Sie haben ja so viele Uhren in Ihrer Stube!
Ja, [unverständlich]
Und am Fenster haben Sie überall so schöne Blumenpöpfe.
Ja das sind Eisblumen und fleißige Lieschen.
Ja, und was sehe ich da hinter dem Ofen? Da haben Sie auch was versteckt in der Ecke.
Das ist die Ziege, die heißt Hanschen.
Können Sie sie mal rufen?
Oh ja, Hanschen!
An dem Webstuhl hier, wo Sie jetzt sitzen, da ist wohl schon immer gewebert worden.
Oh ja, den hat schon mein Großvater gehabt. Und mein Vater hat ihn gehabt, das ist ein uralter Stuhl.
Und der Urgroßvater?
Den hab ich nie gekannt und aber ja, er hat ihm auch schon gehört.
Granitbruch Strehlen in Schlesien. Der größte Europas.
Wir stehen hier am Rande des ungeheuren Granitbruchs, am Grunde des Bruches sehen wir Ameisen gleich die Steinmetzen, es ist 12 Uhr mittags, die Steinmetzen warten auf das Signal zur Sprengung, die Arbeit hört langsam auf. Jetzt eilen die Steinmeten aus dem Bruch. Es sieht aus als kröchen da Fliegen träge an der steilen Wand eines riesigen Milchtopfes empor. Das Signal des Schießmeisters. Die ersten Lunten glimmen. Die Steinmetzen springen von Felsstück zu Felsstück in ihre Unterstände. Na, werden die auch rauskommen wenn es losgeht?[ unverständlich]
Donnerwetter. Jetzt haben wir es geschafft. Gott sei Dank! [ Explosionsgeräusche]
Ausschnitte nur, Momentaufnahmen aus einer vielfältigen Arbeit am Hörspiel. Neue Erkenntnisse, neue Gesetze und welches Glück: beinahe alles noch zu tun. Wir wollten Ihnen zeigen, wohin es geht. Sie hörten Worte, Klänge. Wir wollten absolut sein, wie es das Hörspiel ist. Deshalb haben wir mit Absicht auf erklärende Bilder verzichtet.
Sie finden sie in unserem Ausstellungsraum. Denn wie der Rundfunk bildlos ist und ihrer mitschaffenden Fantasie nicht entraten kann, so wollten auch wir mit unserem Querschnitt an die Mitarbeit Ihrer Fantasie appellieren. Denn der Rundfunk ist erst beseelt, wenn Sie ihm Ihre Seele öffnen.
Quelle: Bayern 2 Hörspiel Pool: Radiokunst aus der Weimarer Republik (gekürzt). Zugang über ARD Audiothek, https://www.ardaudiothek.de/episode/hoerspiel-pool/das-hoerspiel-vom-hoerspiel-radiokunst-aus-der-weimarer-republik/bayern-2/89604316/