Quelle
Alles soziale Handeln, das sich auf die Religion aufbaut, hat den unerschütterlich festen Untergrund, dass jeder Mensch als ein Gefäß seelischer Ewigkeitswerte erscheint. Bei solcher Einstellung ist allgemeine Menschenliebe nicht ein etwas, was man haben kann oder nicht haben kann, sondern für solche religiöse Betrachtung ist der Dienst am Wohle der gesamten Menschheit nur eine Art des Dienens vor Gott.
Noch nach einer anderen Richtung entsteht aus der Wirtschaftsgestaltung der Gegenwart eine innere Notwendigkeit religiösen Lebens. Gerade für die Menschen von heute ist der Arbeiter, der ja nur ein Glied einer für ihn unübersehbaren wirtschaftlichen Arbeitskette darstellt, wie ein Gleichnis unserer gesamten seelischen Lage.
Das Fortschreiten der Naturerkenntnis und Wirtschaftswissenschaft hat uns den Blick in alle Fernen des Geschehens unendlich geweitet. Je weiter aber der Ausblick geworden ist, umso weniger sehen wir Anfang und Ende und umso weniger haben wir Formeln für die Bedeutung des Geschehens überhaupt, die uns innerlich befriedigen.
So sind wir alle, auch die, denen die Schätze des Wissens und Forschens offen sind, durch alle Fortschritte menschlicher Geistesarbeit immer einsamer geworden. Auch der seelische Bruch mit der Vergangenheit kulturellen Lebens klafft immer stärker. Das gewaltige Suchen auf allen Gebieten neuzeitlicher Kunst nach neuem Ausdruck ist überzeugender Beweis dafür.
Ganze, in Sinnen zugängliche Wirklichkeit um uns herum, in Raum und Zeit, hat ihre Festigkeit eingebunden. Der Mensch aber kann in allen diesen Relativitäten allein nicht wurzeln, sondern braucht einen Wurzelstock im Absoluten. Auch hier hilft nur die Religion, die gerade durch das Gefühl schlechthinniger Abhängigkeit uns frei macht gegenüber dem Wechselspiel des Lebens.
Quelle: Hans Luther, Botschaft des Reichskanzlers an die Stockholmer Konferenz für praktisches Christentum, August 1925, Deutsches Rundfunkarchiv K000670740