Kurzbeschreibung

Plattenbauten prägen die Landschaften überall in den ehemals kommunistischen Ländern. Sie erwiesen sich als schnelle und kostengünstige Lösung für die Wohnungsnot, die einst in ganz Osteuropa herrschte. Ostdeutschland stellte keine Ausnahme dar. Unter Honeckers Führung nahmen die Neubauten dramatisch zu, aber bis zum Ende der DDR war Wohnungsmangel ein Problem.

Günstige Mieten und Wohnungsmangel (Rückblick, 2010)

Quelle

Trotz eines aufwändigen Wohnungsbauprogramms blieb die Wohnungsnot eine ständige Begleiterin der DDR. Das Versprechen der Parteitage der SED, bis 1990 „jedem eine Wohnung“ zur Verfügung zu stellen, blieb ebenso auf der Strecke wie der Arbeiter- und Bauernstaat selbst.

Immerhin hatte Honecker 1984 in Berlin die zweimillionste Wohnung übergeben, die seit 1971 neu gebaut oder modernisiert wurde. Doch das Blitzlichtgewitter der Fotografen und Kameramänner an diesem Tage konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass das ehrgeizige Wohnungsbauprogramm inzwischen Milliardenlöcher in die Finanzdecke des Staates gefressen hatte. Was soziale Überlegenheit beweisen sollte, belegte nur die Uneffektivität sozialistischer Planwirtschaft: Ein ungedeckter Wechsel mehr war geplatzt.

Genormter Komfort: Plattenbau und Möbel

Die Wohnung neuen Typs – meist nur Platte genannt – gab es in allen Gegenden der DDR. Das war praktisch. Auch in einer fremden Wohnung konnte man sich kaum verirren: Couchgarnitur (mit ausziehbarem Bett) rechts, Anbauwand links, Essecke vor der Durchreiche zur Küche. Genormtes Wohnen, die Maße der Wohnungen bestimmten die Entwürfe der Möbelhersteller.

Schon Ende 1957 präsentierten die Deutschen Werkstätten Hellerau den Typensatz 602, ein funktionelles Möbelprogramm, von dem noch bis 1968 zwölf Varianten angeboten wurden. Das schuf Platz auf kleinem Raum. Die späteren Nachbildungen des Programms aus anderen Möbelwerken ersetzten Holz durch Spanplatte, deren Oberflächentapete Holz nur noch imitierte. Wer nicht genormt wohnen wollte, nahm im Altbau bewusst weniger Komfort in Kauf. Denn dort gehörte – im Gegensatz zum Plattenbau – Fernheizung oder fließend warmes Wasser eher zu den Ausnahmen, wenngleich längst nicht mehr überall das Plumpsklo dominierte.

Auch im Plattenbau reiften nicht alle Träume. Als dem Wohnungsbauprogramm allmählich das Geld ausging, wurde gespart. So machte eine zusätzliche Wand aus Drei-Raum-Wohnungen Vier-Raum-Wohnungen. Fahrstühle wurden nun erst für Häuser genehmigt, die mindestens sechs Etagen hatten – weshalb fortan in Berlin – anders als in der Provinz – Zehngeschosser die Regel waren. Während auf den Grünen Wiesen der Republik noch immer die Plattenbauten wuchsen, zerfielen in den Innenstädten die vom Krieg verschonten wertvollen Altbauten.

Wohnraummangel: „Kommen Sie wieder, wenn Sie verheiratet sind!“

Dienstags und donnerstags war Sprechtag im Wohnungsamt. Die Wartezimmer platzten aus allen Nähten. Stundenlang standen junge Muttis mit Kleinkindern an der Hand mehr oder weniger geduldig in der Warteschlange. Die Kinder mitzunehmen, hatte gute Gründe. Für Familien mit Nachwuchs waren die Aussichten auf eine Wohnungszuweisung besser. Je mehr Kinder, desto größer die Chance.

Alleinstehende ohne Kinder hatten es dagegen sehr schwer. Sie wurden nicht selten mit dem Satz abgespeist: „Kommen Sie wieder, wenn Sie verheiratet sind.“ Junge Ehepaare mussten sich deshalb oftmals noch Jahre nach ihrer Eheschließung ein Zimmer in der elterlichen Wohnung teilen.

Großbetriebe verfügten über eigene Wohnungskontingente, die sie an „verdienstvolle Werktätige“ verteilten. Wer Zeit zu Arbeitseinsätzen und ein wenig Glück hatte, erhaschte vielleicht eine Wohnung einer Arbeiterwohnungsbaugenossenschaft (AWG) oder eine der begehrten Altbauwohnungen aus dem Bestand der 20er Jahre. Sie gehörten den damals entstandenen Wohnungsgenossenschaften. Die Verwaltung der Häuser, also auch Reparaturen und Ausbau lag beim Hausbesitzer, der allerdings über die Belegung nicht entscheiden konnte. Über den größten Wohnungsbestand verfügten die jeweiligen kommunalen Wohnungsgesellschaften (KWV). Sie besaßen nicht nur die neuen Plattenbauten, sondern auch enteignete oder von den Besitzern aufgegebene Altbauhäuser.

Reparaturen werden selbst gemacht – sofern Material vorhanden ist

Wer eine neue Wohnung zugeteilt bekam, für den erfüllte sich ein lang gehegter Traum. Sie war zwar nur gemietet, wurde aber wie die eigenen vier Wände behandelt. Viel Geld und Arbeit investierten die Bewohner in ihr Zuhause: Sie tapezierten die Wände, fliesten die Bäder und Küchen, besserten die Fußböden aus und pflegten die Vorgärten... Jeder war sein eigener Tischler, Maurer, Maler oder Klempner. Nicht, weil es so großen Spaß machte, sondern der alltäglichen Not gehorchend. Handwerker waren knapp. Wenn es sie gab, fehlte es ihnen oft an Material. Glücklich, wer eine Sammlung alter Nägel, Schrauben und Holzreste besaß.

Das Glücksgefühl kannte keine Grenzen, wenn es dem Mieter dank Beziehungen gelang, seinem Elektriker einen Schutzschalter zu besorgen, ohne den wiederum eine Modernisierung der elektrischen Anlage undenkbar war. Sonst blieb es bei der Wahl, entweder die Waschmaschine oder das Bügeleisen anzumachen. Beides zusammen? Dann flogen die Sicherungen raus.

Elektrische Leitungen anzuschließen, war übrigens die einzige Arbeit, die dem Freizeithandwerker gesetzlich untersagt war. Alles andere musste (und wusste) der gelernte DDR-Bürger dank polytechnischer Schulbildung zu bewältigen. Aber selbst Bienenfleiß, Improvisationstalent und Phantasie hatten ihre Grenzen: Neue Fenster waren ebenso Raritäten wie Dachziegel, Badewannen, Toilettenbecken, Zement ... Eine beliebig zu verlängernde Aufzählung.

Selbsthilfe und Nachbarschaftshilfe waren typisch. Und sie wurden in den Hausgemeinschaften zur Grundlage mancher gemeinsamen Feier.

Billiges Wohnen – teurer Selbstbetrug

Wohnen war billig in der DDR. Zwischen 80 Pfennigen und 1,25 Mark kostete der Quadratmeter Wohnfläche. Benachteiligt fühlten sich nicht selten Mieter von Altbauwohnungen. Während sie für Heizung, Kalt- und Warmwasser selbst aufkommen mussten, war dies in nicht wenigen Plattenbausiedlungen in der ohnehin schon geringen Miete enthalten. Was paradiesisch auf Erden sein sollte, stellte sich als komfortabler Selbstbetrug heraus.

Immer aufwändiger mussten die Minipreise subventioniert werden. Staatliche Subventionen sollten die Distanz überbrücken, die zwischen Erzeugungskosten und Endverbraucherpreisen klaffte. Was jedem Sechsklassenschüler zu denken gab, war für die Partei- und Staatsführung immer wieder Anlass, sich zu feiern: das Preisniveau der 30er Jahre eingefroren zu haben. Aber zu welchen Kosten? Längst waren beispielsweise die acht Pfennig, die ein Mieter für eine Kilowattstunde Strom zu zahlen hatte, nur noch ein Bruchteil dessen, was für die Erzeugung ausgegeben werden musste. Was billig schien, wurde sehr teuer.

Quelle: Heute im Osten / Damals im Osten: Lexikon Wohnen. Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung. Online verfügbar unter: https://www.mdr.de/damals/archiv/artikel75330.html