Kurzbeschreibung

Nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler kam es vielerorts zu willkürlichen, von SA und NSDAP-Mitgliedern verübten Gewalttaten gegen Juden sowie zu Vandalismus gegen jüdische Wohnungen und Läden. Betty Scholem, deren zwei älteste Söhne zu diesem Zeitpunkt den Druckereibetrieb der Familie führten, beschreibt in diesem Brief an ihren 1923 nach Palästina ausgewanderten jüngsten Sohn Gershom ihre Sicht der Situation für jüdische Deutsche. Unter anderem klingt in ihrem Brief der Konflikt zwischen Gershom und seinem Vater an, der sich wegen seiner Hinwendung zum Zionismus und seiner Entscheidung zur Emigration nach Palästina entzündet hatte. Wie viele ihrer jüdischen Mitmenschen erkannte Betty Scholem den vollen Umfang der existenziellen Bedrohung durch den Nationalsozialismus anfangs noch nicht. 1939 sah jedoch auch sie sich gezwungen, Deutschland zu verlassen. Sie folgte ihren beiden ältesten Söhnen nach Australien, die bereits ein Jahr zuvor dorthin ausgewandert waren.

Betty Scholem an ihren Sohn Gershom über die Lage in Deutschland (Februar/März 1993)

  • Betty Scholem

Quelle

Berlin, 20. Februar 1933

Liebe Kinder!

[]

Politische Veränderungen haben bei uns zunächst immer einen geschäftlichen Chok zur Folge, das ist leider schon eine alte Erfahrung. Als Hitler Kanzler wurde, stockte à tempo jedes Geschäft, die Leute machten sogar Aufträge rückgängig, u. Annchen Sußmann kaufte einen Sack Mehl – ausgerechnet! Phiechen fragte, ob man sich wohl was hinlegt? Jawohl, sagte Erich, schaffe Dir 50 Brote an, das ist sehr klug! Jeder Ministerwechsel beinah löst automatisch die Vorstellung von Streik u. Lebensmittelnot aus. Hitler hält andauernd Schmuspauken im Radio, ohne etwas Positives zu sagen. Aber sehr positiv sind die Verbote der Zeitungen, die nur so prasseln, u. die massenhaften Entlassungen der republikanischen Beamten, von oben herunter, Landräte, höhere Polizeibeamte, Alles wird in die Wüste geschickt. Und da alle diese Leute Pensionen bekommen müssen, wird unser Beamten-Etat wieder mal aufschwellen. Die Zeitungen dürfen nicht mucksen, sogar der zahme Tempo, ein Ullsteinblättchen zur Ergänzung der B. Z. ist verboten worden, weil im Handelsteil stand, die Börse sei in Folge der Verhältnisse flau! Und die hochangesehene katholische „Germania“, der sogar Herr v. Papen nahesteht, wurde auch verboten, die kommunistischen Blätter selbstredend. Wir werden bald nichts anderes mehr zu lesen kriegen, als Nazi-Zeitungen. Hitler macht es mit Gewalt. Zunächst ist ja für die Juden nichts zu fürchten. In Verwaltung u. Beamtenschaft giebt es kaum welche, u. mit Extragesetzen wird es so schnell nicht gehen. []

Inzwischen war ich zu einer wunderbaren Aufführung des zweiten Faust, großartig u. erhaben war es, dauerte von 7 bis ¾12, u. ich überstand es ohne jede Anstrengung, denn ich hatte mir einen guten Platz, 2. Rang, I. Reihe, spendirt.

Wir sind weiß eingeschneit u. mit einiger Phantasie kann ich die über den weißen Dächern geballten Wolken für Berge halten, es sieht schön aus. Aber die ewige Kälte ist gräßlich! Warum wohne ich nicht in Santa Margherita am blauen Meer?!

Herzlichst Kuß Mutt

Sonntag, 19. März 1933

u. Montag 20.

Mein liebes Kind!

[] Du schreibst, Ihr hofft auf genaue Nachrichten! Ich muß Euch aber auf die Zeitungen verweisen, denn Vorsicht ist geboten. Gerüchte darf man schon gar nicht wiedergeben; ist aber auch nicht nötig, denn die Tatsachen genügen. Juristen u. Lehrern wird es am schlimmsten gehen, da man ihren Erwerb völlig unterbinden kann. Jüdische Ärzte sind bereits aus den Krankenhäusern dispensirt, wahrscheinlich folgen die Krankenkassen, aber ihren freien Beruf wird man wohl nicht direkt antasten. []

Ich bin wirklich für meine Person sehr ruhig, aber ich stehe doch nicht allein u. die Sorgen für meine Kinder u. Enkel sind doch wirklich keine Einbildung oder Schwarzseherei zu der ich schon aus Anlage nicht neige. Ein wahres Glück, daß Du weit vom Schuß bist! Jetzt auf einmal möchten Alle in Palästina sitzen!! Wenn ich bedenke, was für ein Geschrei sich in der deutschen Jüdischkeit erhob, als der Zionismus begann! Unser Vater, u. Väterchen Hermann L. u. der ganze Centralverein schlugen überzeugt an die Brust „Wir sind Deutsche!“ Jetzt wird uns mitgeteilt, daß wir keine Deutschen sind! []

Auf den Straßen ist es absolut ruhig, wenigstens in den Stadtteilen, in die ich komme. In der Tauentzien ist dasselbe Spaziergetümmel an den eleganten Schaufenstern entlang wie stets, nur durch die Sammler mit der Hakenkreuzbüchse vermehrt, ich habe aber noch nicht gesehen, daß Jemand was giebt. Ich komme häufig dorthin, da ich mich mit meinen Klatschen am Wittenbergschlauch zu treffen pflege, um dann auf der Silberterrasse im K. d. W. die Ereignisse zu beklagen. Natürlich weiß ich genau, daß es uns noch sehr gut geht, so lange wir unbehelligt im K. d. W. beim Käffchen sitzen können. []

Herzlichst Kuß Mutt

Quelle: Betty Scholem und Gershom Scholem, Mutter und Sohn im Briefwechsel 1917–1946. Hrsg. Itta Shedletzky in Verbindung mit Thomas Sparr. München: Verlag C.H. Beck, 1989, S. 276-77, 284–86.