Kurzbeschreibung

Matthias Erzberger (1875-1921) war eine zentrale Figur bei der Gründung der Weimarer Republik. Erzberger, der 1903 als Mitglied der katholischen Zentrumspartei in den Reichstag gewählt wurde, unterstützte zunächst das aggressive Streben Deutschlands nach einem militärischen Sieg im Ersten Weltkrieg. Bis 1917 hatte sich seine Position jedoch dahingehend gewandelt, dass er für einen sofortigen Verhandlungsfrieden eintrat. Erzberger leitete die vierköpfige deutsche Delegation, die am 11. November 1918 den Waffenstillstand unterzeichnete – eine ebenso notwendige wie undankbare Aufgabe, für die er von rechtsgerichteten Politikern immer wieder angefeindet wurde. Er schürte ihre Antipathie noch weiter, indem er später darauf drängte, dass Deutschland den Versailler Friedensvertrag als das geringste Übel für die besiegte Nation akzeptierte, obwohl er viele der darin enthaltenen Bedingungen für unangemessen hart hielt. All diese Bemühungen machten Erzberger zur Zielscheibe rechten Hasses. Am 26. August 1921 wurde er bei einem Morgenspaziergang von rechtsextremen Attentätern ermordet.

Die folgenden drei Auszüge schildern die Ereignisse des Spätherbstes 1918 aus Erzbergers Sicht. Sie stammen aus einer weitaus längeren Rede (14 Seiten zweispaltiger Text in der Transkriptionsform), in der Erzberger Deutschlands konservatives Establishment energisch anklagte, die Kriegsniederlage verschuldet sowie frühere Chancen auf einen vorteilhafteren Friedensvertrag vertan zu haben, die Menschenrechte in den besetzten Gebieten, insbesondere in Belgien, verletzt und anschließend feige versucht zu haben, die Schuld für all diese Verbrechen und Fehler den Anführern der Revolution anzulasten, welche dieses Establishment schließlich im November 1918 zu Fall brachte.

Erzberger hielt seine Rede unmittelbar nachdem er Karl Albrecht von Graefe, einem Vertreter der DNVP, zugehört hatte, der eine vernichtende Breitseite gegen die Republik und Erzberger persönlich abgab. Graefe hatte den demokratischen Politikern Deutschlands vorgeworfen, die militärische Niederlage des Landes verursacht zu haben, eine frühe Version der „Dolchstoßlegende“, die Politikern wie Erzberger vorwarf, die deutschen Kriegsanstrengungen fatal untergraben zu haben. Graefe schloss seine Rede mit dem Antrag auf ein Misstrauensvotum gegen die Regierung, das am 29. Juli mit 53 Ja- und 243 Nein-Stimmen mit überwältigender Mehrheit abgelehnt wurde.

„Ist das alles?“, fragte Erzberger sarkastisch als Antwort auf Graefe, bevor er dann seine eigene feurige Erklärung abgab: „Wir werden den Kampf gegen die Partei, die der Redner heute vertreten hat, mit aller Entschiedenheit und aller Rücksichtslosigkeit im Interesse unseres Volkes führen.“ Als Minister hatte Erzberger Zugang zu Kriegsdokumenten, die er mit verheerender Wirkung nutzte, um die Lügen und falschen Hoffnungen zu entlarven, mit denen Militärs und konservative Politiker seit 1914 hausieren gegangen waren. Erzberger wies auch auf seine eigene Friedensresolution hin, die er am 19. Juli 1917 vor dem Reichstag verkündet hatte und in der er die deutschen Beamten aufforderte, ein Ende des Konflikts ohne Annexionen auf beiden Seiten auszuhandeln. Obwohl die gewählte Kammer mit 216 zu 126 Stimmen zustimmte, ignorierten die obersten Militärbefehlshaber Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff, die damals die tatsächliche Macht in Deutschland innehatten, diese Resolution ebenso wie mehrere spätere Gelegenheiten, einen Frieden zu erreichen. Diese verpassten Gelegenheiten, so Erzberger, hätten dazu geführt, dass sich Deutschland im November 1918 schließlich weitaus schlechteren Bedingungen beugen musste.

Erzberger verteidigte die etwas mehr als einen Monat zuvor, am 22. Juni 1919, getroffene widerwillige Entscheidung Deutschlands, diese weitaus schlechteren Bedingungen zu akzeptieren, da das Land keine echte Alternative hatte. Die Unterzeichnung des Versailler Vertrags habe nicht nur das unerträgliche Leid des deutschen Volkes beendet, sondern auch eine wahrscheinliche Zerschlagung des Landes in kleinere Teilstaaten durch die Siegermächte der Entente verhindert, wenn Deutschland nicht unterzeichnet hätte. „Der Friede musste geschlossen werden!“ rief Erzberger gegen Ende seiner Rede aus; „Er musste geschlossen werden, um die Einheit des Reiches zu retten.“ Sein klares Denken in dieser Frage setzte Erzberger jedoch nur noch mehr Verleumdungen und Anschuldigungen aus, auch von einigen seiner eigenen Koalitionspartner. Sich gegen solche Vorwürfe zu wehren, war ein weiteres Ziel Erzbergers in einer der brisantesten und folgenreichsten Reden der Weimarer Republik.

„Den Frieden leichtsinnig weggeworfen“. Matthias Erzberger über die Verantwortung für den Zusammenbruch Deutschlands (25. Juli 1919)

Quelle

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Sie sprechen immer wieder davon, daß am 9. November der Wendepunkt eingetreten wäre. Ach nein, der Wendepunkt ist am 30. September eingetreten.
(Sehr richtig! im Zentrum, bei den Deutschen Demokraten und den Sozialdemokraten.)
Damals erklärte man den Parteiführern — von jeder Fraktion war nur ein Mitglied da, dem ein Schweigegebot auferlegt wurde —, daß es aus sei, daß die militärische Widerstandskraft restlos erledigt sei, daß sofort Frieden geschlossen werden müßte. Eine Depesche nach der anderen jagte aus dem Hauptquartier nach Berlin: Wenn nicht innerhalb kürzester Zeit eine neue Regierung gebildet würde, wenn nicht heute Nacht noch der Frieden angeboten würde, dann sei nicht zu garantieren, daß die Front auch nur noch 24 Stunden halten würde.
(Hört! hört! im Zentrum, bei den Deutschen Demokraten und den Sozialdemokraten.)
Alle diese Dinge werden in den nächsten Tagen dem deutschen Volke aktenmäßig bekanntgegeben werden; dann soll es an der Hand der Akten selbst prüfen, ob die Behauptungen, zu deren Träger auch heute noch Herr v. Graefe sich gemacht hat, richtig sind, oder ob das richtig ist, was ich sage. Die Regierung des Prinzen Max von Baden hat vielleicht einen einzigen Fehler gemacht, wenn es ein Fehler war. Sie hätte den General Ludendorff hinschicken und ihm sagen sollen: „Schließe du den Waffenstillstand ab!
(Lebhafte Zustimmung.)
Wir als politischer Faktor wollen nicht die Verantwortung für die militärische Niederlage tragen“. Wo war denn da die Zivilkourage der Militärs? Da hat man sich hinter die Regierung geflüchtet und sie gedrängt, sofort eine parlamentarische Regierung zu bilden. Die Herren von der sozialdemokratischen Fraktion werden mir bestätigen, wenn ich sage, daß die sozialdemokratische Partei es zunächst abgelehnt hat, in die Regierung einzutreten,
(sehr richtig! bei den Sozialdemokraten)
und daß die Fraktion schon einen solchen Beschluß gefaßt hatte, weil sie sagte: es ist unerhört, uns eine derartige Zumutung zu machen, jetzt, wo alles verloren ist, die Regierung zu übernehmen, da die Herren dann nachher kommen und sagen, wir, die neue Regierung, hätten den Verlust des Krieges herbeigeführt.
(Sehr richtig! bei den Mehrheitsparteien.)
Aber eins war dann entscheidend. Was wäre denn eingetreten, wenn am 30. September etwa Ludendorff und Hindenburg zu Foch hätten gehen müssen? — Die Neuauflage von Sedan, eine glatte Kapitulation! Und davor haben wir unser Volk und unser Heer bewahrt; denn die Armee konnte nun zurückgeführt werden und ist nicht in Kriegsgefangenschaft geraten. Was aber sonst geworden wäre, das kann sich jeder selbst ausmalen.
(Lebhafte Zustimmung bei den Mehrheitsparteien.)

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Am 6. November vormittags war es, daß ich den Auftrag bekommen habe — ich habe mich nicht zum Abschluß des Waffenstillstandes gedrängt, wie konservative Blätter wahrheitswidrig immer wieder behaupten, das weiß jedes Kabinettsmitglied, wie es plötzlich an mich herangekommen ist,
(sehr richtig! im Zentrum)
— also da habe ich den Auftrag bekommen — das spreche ich heute offen aus —, am 8. November morgens die weiße Fahne zu hissen, also zu kapitulieren, und zwar auf Antrag und unter Zustimmung der Obersten Heeresleitung.
(Lebhafte Rufe: Hört! hört!)
Da wagt Herr v. Graefe zu sagen, wir begingen eine weltgeschichtliche Lüge, wenn wir von einem Waffenstillstand sprechen.
(Zuruf rechts.)
Was ich an der Front erlebt habe, als ich durchreiste, war tieferschütternd. Ich kam auf der letzten Station, ehe es zum Feinde hinüberging, zu einem verdienten General, der von unseren inneren Verhältnissen natürlicherweise wenig wußte. Ich erkundigte mich nach den Frontverhältnissen, und er sagte: „Ich habe zwei Divisionen, die eine hat 437 Mann
(hört! hört!)
und die andere 349 Mann.
(Große Bewegung.)
Ich rufe nach Hilfe und Hilfe, und meine armen Leute sind fast kaputt und bekommen keinen Ersatz, weil man aus Deutschland keinen stellen kann.“ Ich frug ihn: „Ja, wie sollen diese paar Leute, die früher 20 000 Mann stark waren und sein sollten, überhaupt noch die Front halten?“ Er sagte: „Es ist nicht möglich, sie zu halten, wenn der Gegner einmal ernstlich stößt. Aber es gelingt dadurch, daß in einem Loch, in einem Nest hier ein einzelner Mann mit einem Maschinengewehr sitzt und dort ein Oberst mit einem Maschinengewehr und dort ein Major mit einem Maschinengewehr. Kommt aber ein großer Vormarsch, so ist natürlich die Front bei uns aufgerollt und durchbrochen.“ Und das hätten Sie verantworten wollen, Herr v. Graefe, daß das Kriegsunglück in das deutsche Vaterland hereingetragen worden wäre, verwüstend durch Deutschland ziehend?
(Abgeordneter v. Graefe: Ich habe Hindenburg zitiert!)
— Und ich habe erzählt, was am 28. Oktober erfolgt ist und nachher gesagt, was am 6. November erfolgen mußte und wie meine Instruktion gelautet hat.

Meine Herren, noch ein Weiteres. Sie sagen, der innere Umsturz in Deutschland hätte den Waffenstillstand erzwungen. Ich weise wiederholt neben anderen Vorgängen, die geschildert wurden, auf die Depesche des Feldmarschalls Hindenburg hin, mit der er mir nach Compiègne ausdrücklich telegraphierte:
Gelingt Durchsetzung dieser Punkte nicht,
— es sind 9 Punkte aufgezählt —
so wäre trotzdem abzuschließen.
Datiert vom 10. November.
(Hört! hört!)
Aber, meine Herren, für uns draußen und namentlich für die Feinde waren ja gar nicht etwa entscheidend die innerpolitischen Vorgänge in Deutschland. Denn die Bedingungen des Waffenstillstands sind doch nicht von Foch allein aufgestellt worden, da man sie doch auf Seiten der Alliierten schon längst aufgestellt und definiert hatte. Dadurch hat es ja fünf Wochen gedauert, bis man von der ersten Depesche zum Abschluß des Waffenstillstandes überhaupt gekommen ist, und darum war es auch nicht mehr möglich, eine weitere Änderung herbeizuführen. Sie hätten nach Compiègne hinschicken können, wen sie gewollt hätten, selbst Herrn v. Graefe,
(Heiterkeit)
— den hätte man wahrscheinlich nicht angenommen! —
(heitere Zustimmung)
einen günstigeren Waffenstillstand hätte niemand erreicht.

Durch diese historische Darstellung des Verlaufs der Ereignisse habe ich folgendes festgestellt: Erstens, die Friedensresolution hätte Erfolg haben müssen und können, wenn ihre Grundsätze durch eine unzweideutige Politik der Negierung bei der ersten günstigen Gelegenheit, der Friedensnote des Papstes, Anwendung gefunden hätten.
(Sehr richtig! im Zentrum, bei den Deutschen Demokraten und bei den Sozialdemokraten.)
Zweitens, der Zusammenbruch Deutschlands ist nicht erst durch die Revolution, sondern der Zusammenbruch ist bedingt durch eine konstante Täuschung des Militärs über das Maß des militärisch und politisch Erreichbaren und durch die Blindheit gegenüber den Folgen der Auflösung der Koalition.

Nicht die Friedensresolution hat die deutsche Widerstandskraft gelähmt, sondern der deutsche Zusammenbruch ist erfolgt infolge des katastrophalen Mangels an innen- und außenpolitischer Einsicht, mit der die Konservativen und die Oberste Heeresleitung behaftet waren, die sie aber nicht hinderte, Regierung und Volk einzuschüchtern und zu terrorisieren.
(Lebhafte Zustimmung im Zentrum, bei den Deutschen Demokraten und bei den Sozialdemokraten.)
Dieses Spiel suchen Sie jetzt noch bis zur Stunde fortzusetzen.
(Erneute lebhafte Zustimmung.)
Die Geduld der Regierung und der Mehrheitsparteien hat bald ein Ende.
(Stürmische Zustimmung im Zentrum und bei den Sozialdemokraten.)
Die Abrechnung wird gründlich weiter erfolgen.

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Ich komme zum Schluß. Wir Mehrheitsparteien — ich darf das von der Regierung und den Mehrheitsparteien sagen —, wir leiden unter der Niederlage ebenso schmerzlich wie Sie, davon dürfen Sie durchdrungen sein. Der Anblick der abgemagerten Kinder in den Großstädten, der abgezehrten Frauen geht uns noch mehr zu Herzen.
(Sehr richtig! und Zurufe bei den Sozialdemokraten.)
Wir beklagen, daß auf Jahre hinaus die wirtschaftliche Entfaltung unseres Vaterlandes stark beschnitten ist. Hunderte von Bestimmungen des Friedensvertrages sind Qual und Sorge für uns. Aber eins scheidet uns von Ihnen: wir machen aus dieser Not keine Tugend und brüsten uns nicht mit Selbstverständlichkeiten. Aber wenn Sie von rechts so tun, als ob Sie allein ein Herz für des Vaterlandes Schmach und Not hätten, so rufe ich Ihnen zu: was uns eben so tief kränkt wie der Jammer und die Not unseres Vaterlandes, das ist Ihr falsches Spiel.
(Stürmischer Beifall im Zentrum und bei den Sozialdemokraten. — Zurufe und Lärm rechts.)
Wir haben in der klaren Erkenntnis, daß unser Volk am Ende seiner Kraft war und keine Widerstandsfähigkeit irgendwelcher Art mehr besaß, der militärischen Übermacht und dem Hunger gegenüber, den Gewaltfrieden annehmen müssen, weil kein anderer Ausweg blieb. Wir haben die Verantwortung übernommen, meine Herren, für das, was Sie verbrochen haben.
(Lebhafte Zustimmung im Zentrum und bei den Sozialdemokraten.)
Was wir aber niemals zugeben werden, ist dies, daß Sie aus dieser Verantwortung, die eigentlich Ihre Schuld ist, nunmehr versuchen, unsere Schuld zu machen und uns obendrein heuchlerisch mit Spott und Hohn übergießen.

Jeder Friedensvertrag ist die Schlußrechnung eines Krieges. Wer den Krieg verliert, verliert den Frieden, und wer hat bei uns den Krieg verloren? Ich habe es Ihnen nachgewiesen: diejenigen, welche den handgreiflichsten Möglichkeiten eines maßvollen und würdigen Friedens immer wieder einen unvernünftigen, trotzigen und verbrecherischen Eigensinn entgegenstellten. Sie haben mit Ihren Agitationen und Machtmitteln den Krieg verloren, weil Sie den Frieden, wo er dem deutschen Volke noch erträglich schien, leichtsinnig weggeworfen haben. Nur weil Sie den Frieden, als es noch Zeit war, zurückgewiesen und zu Boden gestampft haben, den Frieden, den Ausgleich, der die alten Grenzen des Reichs aufrechterhalten sollte, abgelehnt haben,
(lebhafte Zustimmung im Zentrum und bei den Sozialdemokraten)
mußten wir den anderen Frieden unterzeichnen. Die moralische Verantwortung dafür, daß schließlich kein besserer Friede mehr möglich war, tragen diejenigen, welche die alte Regierung unterstützt haben und welche den Kampf gegen die Friedenszielresolution des Reichstags in dieser Weise führten, wie ich sie vorhin zeichnen durfte. Dadurch, daß wir Ihren Waffenstillstand und Ihren Frieden unterzeichnen mußten, haben wir für Ihre Schuld gebüßt. Diese Schuld werden Sie niemals los, und wenn Sie hundertmal Ihre Hände durch ein „Nein“ in Unschuld waschen wollen. Sie werden diese Schuld nicht los, weder vor uns, noch vor der Geschichte, noch vor Ihrem eigenen Gewissen.

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Quelle: Reichstagsprotokolle, 1919/20, 3, 66. Sitzung, auf der Webseite Verhandlungen des Deutschen Reichstags, pp. 1926-1943. Online verfügbar unter: https://www.reichstagsprotokolle.de/Blatt2_wv_bsb00000012_00474.html