Quelle
[…]
Sie sprechen immer wieder davon, daß am 9. November der Wendepunkt
eingetreten wäre. Ach nein, der Wendepunkt ist am 30. September
eingetreten.
(Sehr richtig! im Zentrum, bei den Deutschen Demokraten und den
Sozialdemokraten.)
Damals erklärte man den Parteiführern — von jeder Fraktion war nur
ein Mitglied da, dem ein Schweigegebot auferlegt wurde —, daß es aus sei, daß die militärische Widerstandskraft restlos erledigt
sei, daß sofort Frieden geschlossen werden müßte. Eine Depesche nach der anderen jagte aus
dem Hauptquartier nach Berlin: Wenn nicht innerhalb kürzester Zeit eine neue Regierung
gebildet würde, wenn nicht heute Nacht noch der Frieden angeboten würde, dann sei nicht zu
garantieren, daß die Front auch nur noch 24 Stunden halten würde.
(Hört! hört! im
Zentrum, bei den Deutschen Demokraten und den Sozialdemokraten.)
Alle diese Dinge werden
in den nächsten Tagen dem deutschen Volke aktenmäßig bekanntgegeben werden; dann soll es an
der Hand der Akten selbst prüfen, ob die Behauptungen, zu deren Träger auch heute noch Herr
v. Graefe sich gemacht hat, richtig sind, oder ob das richtig ist, was ich sage. Die
Regierung des Prinzen Max von Baden hat vielleicht einen einzigen Fehler gemacht, wenn es
ein Fehler war. Sie hätte den General Ludendorff hinschicken und ihm sagen sollen: „Schließe
du den Waffenstillstand ab!
(Lebhafte Zustimmung.)
Wir als politischer Faktor wollen
nicht die Verantwortung für die militärische Niederlage tragen“. Wo war denn da die
Zivilkourage der Militärs? Da hat man sich hinter die Regierung geflüchtet und sie gedrängt,
sofort eine parlamentarische Regierung zu bilden. Die Herren von der sozialdemokratischen
Fraktion werden mir bestätigen, wenn ich sage, daß die sozialdemokratische Partei es
zunächst abgelehnt hat, in die Regierung einzutreten,
(sehr richtig! bei den
Sozialdemokraten)
und daß die Fraktion schon einen solchen Beschluß gefaßt hatte, weil
sie sagte: es ist unerhört, uns eine derartige Zumutung zu machen, jetzt, wo alles verloren
ist, die Regierung zu übernehmen, da die Herren dann nachher kommen und sagen, wir, die neue
Regierung, hätten den Verlust des Krieges herbeigeführt.
(Sehr richtig! bei den
Mehrheitsparteien.)
Aber eins war dann entscheidend. Was wäre denn eingetreten, wenn am
30. September etwa Ludendorff und Hindenburg zu Foch hätten gehen müssen? — Die Neuauflage
von Sedan, eine glatte Kapitulation! Und davor haben wir unser Volk und unser Heer bewahrt;
denn die Armee konnte nun zurückgeführt werden und ist nicht in Kriegsgefangenschaft
geraten. Was aber sonst geworden wäre, das kann sich jeder selbst ausmalen.
(Lebhafte
Zustimmung bei den Mehrheitsparteien.)
[…]
Am 6. November vormittags war es, daß ich den Auftrag bekommen habe
— ich habe mich nicht zum Abschluß des Waffenstillstandes gedrängt,
wie konservative Blätter wahrheitswidrig immer wieder behaupten, das weiß jedes
Kabinettsmitglied, wie es plötzlich an mich herangekommen ist,
(sehr richtig! im
Zentrum)
— also da habe ich den Auftrag bekommen — das spreche ich heute offen aus —, am
8. November morgens die weiße Fahne zu hissen, also zu kapitulieren, und zwar auf Antrag und
unter Zustimmung der Obersten Heeresleitung.
(Lebhafte Rufe: Hört! hört!)
Da wagt
Herr v. Graefe zu sagen, wir begingen eine weltgeschichtliche Lüge, wenn wir von einem
Waffenstillstand sprechen.
(Zuruf rechts.)
Was ich an der Front erlebt habe, als ich
durchreiste, war tieferschütternd. Ich kam auf der letzten Station, ehe es zum Feinde
hinüberging, zu einem verdienten General, der von unseren inneren Verhältnissen
natürlicherweise wenig wußte. Ich erkundigte mich nach den Frontverhältnissen, und er sagte:
„Ich habe zwei Divisionen, die eine hat 437 Mann
(hört! hört!)
und die andere 349
Mann.
(Große Bewegung.)
Ich rufe nach Hilfe und Hilfe, und meine armen Leute sind
fast kaputt und bekommen keinen Ersatz, weil man aus Deutschland keinen stellen kann.“ Ich
frug ihn: „Ja, wie sollen diese paar Leute, die früher 20 000 Mann stark waren und sein
sollten, überhaupt noch die Front halten?“ Er sagte: „Es ist nicht möglich, sie zu halten,
wenn der Gegner einmal ernstlich stößt. Aber es gelingt dadurch, daß in einem Loch, in einem
Nest hier ein einzelner Mann mit einem Maschinengewehr sitzt und dort ein Oberst mit einem
Maschinengewehr und dort ein Major mit einem Maschinengewehr. Kommt aber ein großer
Vormarsch, so ist natürlich die Front bei uns aufgerollt und durchbrochen.“ Und das hätten
Sie verantworten wollen, Herr v. Graefe, daß das Kriegsunglück in das deutsche Vaterland
hereingetragen worden wäre, verwüstend durch Deutschland ziehend?
(Abgeordneter v.
Graefe: Ich habe Hindenburg zitiert!)
— Und ich habe erzählt, was am 28. Oktober erfolgt
ist und nachher gesagt, was am 6. November erfolgen mußte und wie meine Instruktion gelautet
hat.
Meine Herren, noch ein Weiteres. Sie sagen, der innere Umsturz in Deutschland hätte den
Waffenstillstand erzwungen. Ich weise wiederholt neben anderen Vorgängen, die geschildert
wurden, auf die Depesche des Feldmarschalls Hindenburg hin, mit der er mir nach Compiègne
ausdrücklich telegraphierte:
Gelingt Durchsetzung dieser Punkte nicht,
— es sind 9
Punkte aufgezählt —
so wäre trotzdem abzuschließen.
Datiert vom 10.
November.
(Hört! hört!)
Aber, meine Herren, für uns draußen und namentlich für die
Feinde waren ja gar nicht etwa entscheidend die innerpolitischen Vorgänge
in Deutschland. Denn die Bedingungen des Waffenstillstands sind doch nicht von Foch
allein aufgestellt worden, da man sie doch auf Seiten der Alliierten schon längst
aufgestellt und definiert hatte. Dadurch hat es ja fünf Wochen gedauert, bis man von der
ersten Depesche zum Abschluß des Waffenstillstandes überhaupt gekommen ist, und darum war es
auch nicht mehr möglich, eine weitere Änderung herbeizuführen. Sie hätten nach Compiègne
hinschicken können, wen sie gewollt hätten, selbst Herrn v. Graefe,
(Heiterkeit)
—
den hätte man wahrscheinlich nicht angenommen! —
(heitere Zustimmung)
einen
günstigeren Waffenstillstand hätte niemand erreicht.
Durch diese historische Darstellung des Verlaufs der Ereignisse
habe ich folgendes festgestellt: Erstens, die Friedensresolution
hätte Erfolg haben müssen und können, wenn ihre Grundsätze durch eine unzweideutige Politik
der Negierung bei der ersten günstigen Gelegenheit, der Friedensnote des Papstes, Anwendung
gefunden hätten.
(Sehr richtig! im Zentrum, bei den Deutschen Demokraten und bei den
Sozialdemokraten.)
Zweitens, der Zusammenbruch Deutschlands ist nicht erst durch die
Revolution, sondern der Zusammenbruch ist bedingt durch eine konstante Täuschung des
Militärs über das Maß des militärisch und politisch Erreichbaren und durch die Blindheit
gegenüber den Folgen der Auflösung der Koalition.
Nicht die Friedensresolution hat die deutsche Widerstandskraft gelähmt, sondern der
deutsche Zusammenbruch ist erfolgt infolge des katastrophalen Mangels an innen- und
außenpolitischer Einsicht, mit der die Konservativen und die Oberste Heeresleitung behaftet
waren, die sie aber nicht hinderte, Regierung und Volk einzuschüchtern und zu
terrorisieren.
(Lebhafte Zustimmung im Zentrum, bei den Deutschen Demokraten und bei den
Sozialdemokraten.)
Dieses Spiel suchen Sie jetzt noch bis zur Stunde
fortzusetzen.
(Erneute lebhafte Zustimmung.)
Die Geduld der Regierung und der
Mehrheitsparteien hat bald ein Ende.
(Stürmische Zustimmung im Zentrum und bei den
Sozialdemokraten.)
Die Abrechnung wird gründlich weiter erfolgen.
[…]
Ich komme zum Schluß. Wir Mehrheitsparteien — ich darf das von der Regierung und den
Mehrheitsparteien sagen —, wir leiden unter der Niederlage ebenso schmerzlich wie Sie, davon
dürfen Sie durchdrungen sein. Der Anblick der abgemagerten Kinder in den Großstädten, der
abgezehrten Frauen geht uns noch mehr zu Herzen.
(Sehr richtig! und Zurufe bei den
Sozialdemokraten.)
Wir beklagen, daß auf Jahre hinaus die wirtschaftliche Entfaltung
unseres Vaterlandes stark beschnitten ist. Hunderte von Bestimmungen des Friedensvertrages
sind Qual und Sorge für uns. Aber eins scheidet uns von Ihnen: wir machen aus dieser Not
keine Tugend und brüsten uns nicht mit Selbstverständlichkeiten. Aber wenn Sie von rechts so
tun, als ob Sie allein ein Herz für des Vaterlandes Schmach und Not hätten, so rufe ich
Ihnen zu: was uns eben so tief kränkt wie der Jammer und die Not unseres Vaterlandes, das
ist Ihr falsches Spiel.
(Stürmischer Beifall im Zentrum und bei den Sozialdemokraten. —
Zurufe und Lärm rechts.)
Wir haben in der klaren Erkenntnis, daß unser Volk am Ende
seiner Kraft war und keine Widerstandsfähigkeit irgendwelcher Art mehr besaß, der
militärischen Übermacht und dem Hunger gegenüber, den Gewaltfrieden annehmen müssen, weil
kein anderer Ausweg blieb. Wir haben die Verantwortung übernommen, meine Herren, für das,
was Sie verbrochen haben.
(Lebhafte Zustimmung im Zentrum und bei den
Sozialdemokraten.)
Was wir aber niemals zugeben werden, ist dies, daß Sie aus dieser
Verantwortung, die eigentlich Ihre Schuld ist, nunmehr versuchen, unsere Schuld zu machen
und uns obendrein heuchlerisch mit Spott und Hohn übergießen.
Jeder Friedensvertrag ist die Schlußrechnung eines Krieges. Wer den
Krieg verliert, verliert den Frieden, und wer hat bei uns den Krieg verloren? Ich habe es
Ihnen nachgewiesen: diejenigen, welche den handgreiflichsten Möglichkeiten eines maßvollen
und würdigen Friedens immer wieder einen unvernünftigen, trotzigen und verbrecherischen
Eigensinn entgegenstellten. Sie haben mit Ihren Agitationen und Machtmitteln den Krieg
verloren, weil Sie den Frieden, wo er dem deutschen Volke noch erträglich schien,
leichtsinnig weggeworfen haben. Nur weil Sie den Frieden, als es noch Zeit war,
zurückgewiesen und zu Boden gestampft haben, den Frieden, den Ausgleich, der die alten
Grenzen des Reichs aufrechterhalten sollte, abgelehnt haben,
(lebhafte Zustimmung im
Zentrum und bei den Sozialdemokraten)
mußten wir den anderen Frieden unterzeichnen. Die
moralische Verantwortung dafür, daß schließlich kein besserer Friede mehr möglich war,
tragen diejenigen, welche die alte Regierung unterstützt haben und welche den Kampf gegen
die Friedenszielresolution des Reichstags in dieser Weise führten, wie ich sie vorhin
zeichnen durfte. Dadurch, daß wir Ihren Waffenstillstand und Ihren Frieden unterzeichnen
mußten, haben wir für Ihre Schuld gebüßt. Diese Schuld werden Sie niemals los, und wenn Sie
hundertmal Ihre Hände durch ein „Nein“ in Unschuld waschen wollen. Sie werden diese Schuld
nicht los, weder vor uns, noch vor der Geschichte, noch vor Ihrem eigenen Gewissen.
[…]
Quelle: Reichstagsprotokolle, 1919/20, 3, 66. Sitzung, auf der Webseite Verhandlungen des Deutschen Reichstags, pp. 1926-1943. Online verfügbar unter: https://www.reichstagsprotokolle.de/Blatt2_wv_bsb00000012_00474.html