Kurzbeschreibung

Dieser Artikel wurde am 6. November 1932, dem Tag, an dem in Deutschland zum zweiten Mal in jenem Jahr Reichstagswahlen stattfanden, im Völkischen Beobachter, der Parteizeitung der NSDAP veröffentlicht. Die letzten Wahlen waren erst im Juli desselben Jahres abgehalten worden, doch im September befand sich Reichskanzler Franz von Papen in einem offenen Konflikt mit den beiden stärksten Parteien im Parlament, der KPD und der NSDAP. Wie sein Vorgänger Heinrich Brüning konnte auch Papen, der ebenfalls der katholischen Zentrumspartei angehörte, keine parlamentarische Mehrheit für seine Politik gewinnen und regierte stattdessen mit Hindenburgs Unterstützung durch Notverordnungen. Im September 1932 stellte die KPD einen Misstrauensantrag, den die NSDAP unterstützte. Daraufhin bat Papen Reichspräsident Hindenburg, den Reichstag aufzulösen und Neuwahlen anzusetzen, in der Hoffnung, die NSDAP zu schwächen. Nach den Wahlen im November verlor die NSDAP zwar Sitze, blieb aber dennoch die stärkste Partei im Parlament. Der ungenannte Autor des Artikels zitiert einen Artikel aus der italienischen Tageszeitung La Stampa, in dem Papens Strategie durchschaut und beschrieben würde. La Stampa war seit 1925 unter dem faschistischen Regime Mussolinis gleichgeschaltet war. Bereits die plakative Überschrift des Artikels suggeriert, dass es vor allem die Juden in Deutschland seien, die Papens Regierung aus Angst vor den Nationalsozialisten weiterhin unterstützen würden.

„Die Juden wählen Papen!“ (6. November 1932)

Quelle

Sonntag/Montag, 6./7. November 1932

Die Juden wählen Papen!

Ein aufschlußreicher Aufsatz im römischen „Stampa“

(Drahtbericht unseres römischen Vertreters.)

Rom, 4. November.

Piacca bringt in der heutigen „Stampa“ eine scharfe Attacke gegen das Papen-Kabinett,

das mit seiner Staatspolitik eine Art von Fuchsnase in das kluge Gesicht Hindenburgs gesetzt habe. Die Gefahr dabei ist, sagt er, die Klugheit durch bloße Schlauheit zu ersetzen.

Man hoffe, die nationalsozialistische Bewegung so geschwächt zu haben, daß eine Majorität mit dem Zentrum wie bisher nicht mehr möglich sein wird, und daß die Nationalsozialisten bereit sein werden, mit dem Zentrum und den Deutschnationalen unter dem Glorienschein der Regierung sich zu einigen. Das Manöver Papens besteht darin, daß er dem Zentrum seine Schlüsselstellung in der Verteilung der parlamentarischen Kräfte nimmt und sie der kleinen deutschnationalen Gruppe zur Verfügung der Regierung übergibt.

Die Regierung versetzt der nationalsozialistischen Partei dauernd Nadelstiche, um allen guten und ängstlichen Bürgern zu beweisen, daß die Ziele der Nationalsozialisten ohne diese mit Hilfe der jetzigen Regierung erreicht werden können.

Die Regierung gibt sich der Hoffnung hin, daß der Nationalsozialismus viel an Stimmen verlieren werde.

Die Stimmen, sagt Piacca, welche die Partei verlieren könnte, würden diejenigen sein, welche sowieso unsichere Elemente sind bei allen Wahlen, die zu verlieren für eine Partei nur von Vorteil sein kann. Die Regierung wird diejenigen Stimmen für sich gewinnen, welche die tolle Hoffnung haben, daß eine absolute Wirtschaftsfreiheit, der der Staat unterworfen sein wird, im Sinne eines Überindustrialismus siegen wird. Denn nichts anderes will schließlich v. Papen. Aber wenn wir nicht irren, sagt Piacca, ist das heilige Reich von Papens schon einmal daran zu Grunde gegangen.

Die große Masse der Juden, die in Deutschland sehr ängstlich sind und äußerst mobil in diesem Augenblick, wird ganz zu ihm halten. Jedes Hindernis gegenüber den Nationalsozialisten ist ihnen recht, um ihre Angst zu mindern.

Papen glaubt, das deutsche Volk in den Staat wieder eingliedern zu können. Aber für ihn gibt es nur einen Weg: Die Massen und den Staat unter das Joch der Wirtschaft zu stellen, welche er in ihrer absoluten Freiheit wieder einführen will. Dies und nichts anderes ist die Doktrin des Kabinetts von Papen.

Mit vieler Ironie kritisiert Piacca die Idee eines syndikalen Kabinetts unter von Papen als letzte Rettung des Kabinetts, und seine Isolierung. „Wie ein Siegfried steht er da und will nicht nur den sozialen Drachen des sozialen Programms der Nationalsozialisten, sondern auch jede andere Art von Sozialismus vernichten, um durch seine syndikalen Triumphbögen die Paraden der Massen des Dritten Reiches von Hitler einmarschieren zu lassen.“

Quelle: „Die Juden wählen Papen!“, Völkischer Beobachter, 6. November 1932.