Quelle
Unsere Meinung
Berlin, 31. 7.
Zum vierten Male wird das deutsche Volk in diesem Jahr an die Wahlurne gerufen. Vier Wahlen innerhalb von sechs Monaten, vier Wahlkämpfe mit all ihren unerfreulichen Begleiterscheinungen, – es ist schon begreiflich, wenn gar mancher seinen Widerwillen gegen alles, was mit dem Wort Parlamentarismus direkt oder mittelbar zusammenhängt, in die Worte kleidet: „Laßt mich mit dem ganzen Schwindel in Ruhe, ich wähle überhaupt nicht mehr!“ Die Zahl derjenigen, die das gleiche denken, ohne es auszusprechen, geht in die Hunderttausende. Und wenn man die sympathischen Zeitgenossen hinzurechnet, die einfach aus Gedankenlosigkeit ihrer Wahlpflicht nicht genügen, so als ob sie das Ganze überhaupt nichts anginge, dann haben wir damit ungefähr den Personenkreis umschrieben, der als die „Partei der Nichtwähler“ in der Wahlstatistik unrühmlich in Erscheinung tritt. Ein Gebilde ohne organisatorischen Zusammenhalt, von allen anderen Parteien bekämpft und gleichzeitig umworben. Eine „Partei“, die mit 7,75 Millionen Köpfen bei der letzten Reichstagswahl am 14. September 1930 zahlenmäßig stärker in Erscheinung trat, als die Hitler-Partei mit ihren 6,38 Millionen Stimmen und 107 Mandaten. 7,75 Millionen Stimmen, das sind rund 130 Mandate. Die Hälfte hätte genügt, um der Rechten bereits vor zwei Jahren die Mehrheit im Reichstag zu verschaffen. Nicht der Linken, denn es ist leider eine nicht hinwegzuleugnende Tatsache, daß diese „Partei der Nichtwähler“ sich überwiegend aus bürgerlichen Elementen zusammensetzt. Aber ganz gleich, ob der Nichtwähler im bürgerlichen Lager schläft oder im proletarischen, eins ist ihnen allen gemeinsam: sie sind es, die am lautesten schreien, wenn dann später im Parlament Beschlüsse gefasst werden, die die Nichtwähler nicht weniger zu spüren bekommen, als die überstimmte Minderheit. Wer seiner Wahlpflicht nicht genügt, hat das Recht verwirkt, sich nachher zu beklagen, wenn seine Wünsche und Proteste ungehört verhallen. Einige wenige Mandate können, um noch einmal zu wiederholen, was gestern an dieser Stelle ausgeführt wurde, den Ausschlag dafür geben, ob eine Rechtsmehrheit zustande kommt oder nicht. Sie kommt zustande, wenn jeder einzelne dafür sorgt, daß die „Partei der Nichtwähler“ als kleinste und unbedeutendste aus der Wahlschlacht hervorgeht. Diese Partei muß geschlagen werden bis zur Vernichtung!
Quelle: „Unsere Meinung“, Deutsche Allgemeine Zeitung, 31. Juli 1932.