Kurzbeschreibung

Anlässlich des zehnten Jahrestages der bolschewistischen Revolution im November 1927 berief die sowjetische Regierung den Weltkongress der Freunde der Sowjetunion in Moskau ein. Von den 947 ausländischen Delegierten, die an dem Kongress teilnahmen, kamen 173 aus Deutschland, die mit Abstand größte ausländische Delegation. Diese übergroße Präsenz spiegelte den Respekt wider, den die deutsche politische Linke zu dieser Zeit für die Sowjetunion empfand, sowie den Respekt, den die sowjetischen Funktionäre für die zentrale Rolle hatten, die Deutschland in der internationalen sozialistischen Bewegung stets gespielt hatte.

Unter den 173 Delegierten befanden sich auch die von den Sowjets eingeladene renommierte deutsche Künstlerin und langjährige Sozialistin Käthe Kollwitz (1867-1945) und ihr Ehemann, der Arzt Karl Kollwitz. Kollwitz schrieb fast nichts über die Reise in ihren Tagebüchern, doch sie schickte einen Brief aus Moskau an ihren Sohn Hans, gab einer Moskauer Zeitung ein Interview und reflektierte viel später in ihrem Memoirenfragment über die Bedeutung dieser Reise. Obwohl sie bei deutschen Wahlen regelmäßig die gemäßigtere Sozialdemokratische Partei (SPD) und nicht die revolutionärere und sowjetfreundlichere Kommunistische Partei (KPD) unterstützte, war Kollwitz dennoch von dem Eifer der KPD-Aktivisten inspiriert. Die Reise nach Moskau verstärkte und vergrößerte eindeutig die Sympathie, die Kollwitz bereits für den Kommunismus empfand. Der Brief an ihren Sohn, der Auszug aus ihrem Moskauer Zeitungsinterview, sowie das Fragment aus ihren unvollendeten Memoiren illustrieren alle ihre Ehrfurcht vor der Neuheit und dem Potenzial, das in dem großen sozialen Experiment steckte, das sie und ihr Mann zum ersten Mal sahen. Obwohl die Sowjetunion in Deutschland während der Weimarer Republik ebenso viel Angst wie Bewunderung hervorrief, zog sie zweifellos die Aufmerksamkeit der Deutschen auf sich und löste ihre Faszination aus. Diese Beschreibungen und Überlegungen von Kollwitz deuten auf einige der Gründe dafür hin.

Käthe Kollwitz über ihren Besuch im sowjetischen Russland (1927/1943)

Quelle

Quelle 1: Brief und Zeitungsinterview

Moskau, 6. November 1927

der erste der 3 großen Feiertage

Liebe Kinder
Heute haben wir früh etwas frei und so möcht ich Euch schreiben, wenngleich es schwer ist zusammenzufassen, was wir hier erleben. Heut sagten wir uns Beide noch, daß dies hier zu dem Interessantesten gehört, was unser Leben uns geboten hat. Ich bin ganz glücklich, daß Vater mit ist, und alles sehn und hören kann, was ich allein nachher so mangelhaft berichten könnte. Natürlich gibts auch langweilige Stunden, aber sie verschwinden. Es ist auch nicht so sehr Rußland mit seinen Typen u.s.w. was mich hier so in Atem hält, sondern das ganz Neue der politischen und sozialen Gestaltung, eben die Sowjetrepublik. Seitdem wir an der russischen Grenze langsam unter dem roten Sowjetstern durchfuhren merkte ich das andere. An der Grenze wechselten wir den Wagen, stiegen alle aus und wurden im geschmückten Bahnhofsgebäude empfangen und bewirtet. Dicht gedrängt standen da die Landleute und ließen uns durch. (Wir waren aber zu mindestens 100 Leuten verschiedener Nationalitäten angewachsen.) Wir mußten uns in der geschmückten Holzhalle an einen langen Tisch setzen und bekamen zu essen und die Delegierten redeten und die Russen redeten und viele Hochs und Hurras.

In Minsk wieder Empfang und Reden und die Internationale. Erst spät in der Nacht kam man zum Liegen und Schlafen. Die frohe Spannung stieg je näher man Moskau kam. Die Leute umarmten sich, sangen, lachten. In Moskau stürzte sich mit gewissermaßen Gebrüll ein wartender Haufen auf den Zug. Alles fiel sich in die Arme, vor uns Holitscher umarmte und küßte sich mit der Kamenewa.[1] Aber nun komm ich wieder in Details und doch lohnt es gar nicht damit anzufangen. Ich wollte Euch heut nur sagen, was ich zu Anfang des Briefes sagte, es ist Neuland hier. Und das liest man nicht in Büchern und wird einem nicht gesagt, wie es mir 100 mal schon in Deutschland gesagt wurde, sondern man sieht es, man hört es, man fühlt es. Und das ist das ungeheuer Aufregende. Selbstverständlich ist das, was einem gesagt wird, gewissermaßen Parade, Ermanski sagt das wirkliche Rußland ist doch ganz anders als wir aus unserm kleinen Guckloch es sehn.[2] Aber auch er sagt man ist hier in einem Lebensstrom, der in einem ganz andern Tempo dahinfließt wie in andern Ländern.

Heute ist der 3. der großen Feiertage. Gestern war die große Parade auf dem Roten Platz an Lenins Grabmausoleum vorbei. Es ist so gebaut, daß sich oben eine breite Plattform befindet, auf der die Sowjetregierung stehend die Parade abnahm. Eine Einzige saß – die alte Klara Zetkin – „Zetkina.“[3]

Die Parade begann um 9 Uhr mit der militärischen Parade, die dann überging in den Vorbeizug der bewaffneten Arbeiterbataillone. Dann aber schlossen sich Demonstrationszüge an mit unendlichen Emblemen, Verspottungen u.s.w. Nach 1 Uhr gingen wir nach Haus. Als wir später zu Ermanski gingen war der Strom der Demonstranten noch nicht vorüber, er soll bis ½ 8 Uhr gedauert haben.

Von unserer Arbeit, die wirklich nicht gering ist (man hat eigentlich immerfort ‚Dienst’) erzähl ich. Heut nur dies, damit Ihr wißt, daß es uns gut geht und damit Ihr in Kürze wißt, wie die Luft hier weht. Schickt doch diesen Brief auch an Sterns[4] und dann an Konrad.[5] Der Lise sag ich hiermit, daß ich ihre Grüße immer wieder ausrichte überall wo dieser Wind so recht fühlbar um einen saust.

Lebtwohl lebtwohl. Wenn Ihr doch Alle gesund wärt.

Eure Eltern

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Quelle 2: Ausschnitt aus einem Interview mit der Moskauer Abendzeitung vom 11. November 1927

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„Es ist dies nicht die Stelle, uns auseinanderzusetzen, warum ich nicht Kommunistin bin. Es ist aber die Stelle, um auszusprechen, daß das Geschehnis der letzten 10 Jahre in Rußland mir an Größe und weittragender Bedeutung nur vergleichbar zu sein scheint dem Geschehnis der großen Französischen Revolution. Eine alte Welt, unterhöhlt durch vierjährigen Krieg und revolutionäre Minierarbeit, wurde im November 1917 zerschmettert. Eine neue Welt wurde in größten Zügen zusammengehämmert. Gorki spricht in einem Aufsatz aus der ersten Zeit der Sowjetrepublik von dem Fliegen ‚Sohlen nach oben.‘ Diesen Sturmwind glaube ich in Rußland zu spüren. Um dieses Fliegen, um die Glut ihres Glaubens habe ich die Kommunisten oft beneidet.“

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Quelle: Käthe Kollwitz, Die Tagebücher, herausgegeben von Jutta Bohnke-Kollwitz. East Berlin: Wolf Jobst Siedler Verlag, 1989, S. 899–900.

Quelle 3: Memoirenfragmente, „Die Jahre 1914-1933 zum Umbruch“ (1943)

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Im Jahre 1927 feierte Sowjet-Rußland sein zehnjähriges Bestehen. Ich wurde dorthin aufgefordert und Karl begleitete mich. Ich hatte mir vorgenommen, dieses Mal mich nicht überrumpeln zu lassen, sondern kühlen Blickes alles zu betrachten. Ich brachte es wieder nicht fertig: Rußland berauschte mich. Ich hatte die Genugtuung, daß auch Karl, der als fester Sozialdemokrat hinging, nicht ganz fest blieb. Es war zu viel dort unter den neuen Einrichtungen, was ihm ausgezeichnet vorkam. Unter den Rednern, die, aus Rußland zurückgekehrt, in der Liga für Menschenrechte einen kurzen Bericht über Rußland gaben, war auch Karl.

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Anmerkungen

[1] Arthur Holitscher war ein in Berlin lebender ungarischer Schriftsteller, den Kollwitz durch ihr gemeinsames Engagement in der sozialistischen und pazifistischen Bewegung kannte. Olga Kameneva war Vorsitzende der Gesellschaft für kulturelle Beziehungen mit dem Ausland der UdSSR.
[2] Kollwitz bezieht sich hier womöglich auf Ossip Ermanski, einen sowjetischen Forscher auf dem Gebiet der Arbeitswissenschaft und des Teilgebiets der Psychotechnik.
[3] Clara Zetkin (1857-1933), Sozialistin und Frauenrechtlerin sowie von 1920 bis 1933 Reichstagsabgeordnete für die KPD.
[4] Ihre Schwester Lise und ihr Schwager Georg.
[5] Kollwitz‘ Bruder.

Quelle: Käthe Kollwitz, Die Tagebücher, herausgegeben von Jutta Bohnke-Kollwitz. East Berlin: Wolf Jobst Siedler Verlag, 1989, S. 746–47.