Kurzbeschreibung

Dieser Artikel wurde am 20. November 1879 anonym in der Zeitschrift Im neuen Reich veröffentlicht, die nicht die rechte, sondern die liberale, nationalistische Hauptströmung vertrat. Der Artikel erschien nur fünf Tage nach Heinrich von Treitschkes infamer Äußerung: „Die Juden sind unser Unglück“. Im ersten Absatz stellt der Autor fest, dass es neu sei, die „Judenfrage“ als reine Rassen- und nicht als Religionsfrage zu betrachten. Der Autor betont zudem die wirtschaftlichen Wurzeln der antijüdischen Stimmung seit dem Beginn der Gründerkrise im Jahr 1873. Die letzten Zeilen des Artikels spiegeln typische Argumente gegen den jüdischen Einfluss auf den Aktienmarkt und andere dysfunktionale Merkmale eines liberalen kapitalistischen Systems wider. Dieser Artikel wurde in einem Bericht des britischen Gesandten in Dresden, George Strachey, an das britische Außenministerium erwähnt (Bericht vom 20. November 1879).

Anon., „Die Judenantipathie“ (1879)

Quelle

Berichte aus dem Reich und dem Auslande

Vom Rhein. Die Judenantipathie. – Es ist eine nicht völlig erklärte Thatsache, daß seit einigen Jahren die Antipathien des Volkes gegen die Israeliten wieder im Wachsen sind. Früher standen die Agrarier an der Spitze dieser Bewegung. Jetzt werden die Agrarier kaum noch genannt, aber diese ihre Specialität ist von vielen Seiten fortgesetzt. Es erscheinen immer neue Schriften gegen die Juden; W. Marr hat jetzt sogar eine Zeitschrift gegründet, die „Deutsche Wacht“, die vorzüglich die antijüdische Tendenz vertritt. Eine rohe Schöpfung auf diesem Gebiete ist die „antisemitische Liga“. In Nordamerika, dem gepriesenen Lande aller Freiheiten, hat eine äußerst zahlreiche Versammlung in Newport alle Juden verfehmt und in der gröbsten Weise bis zu Bedrohungen mit dem Tode sie angegriffen. Nun glaubte die liberale Partei lange, daß der Antipathie des Volkes gegen die Juden immer wesentlich das Religiöse zu Grund liege, und sie meinte etwas Nützliches zu thun, wenn sie mit Pathos die Glaubensfreiheit und Toleranz predigte und das Auftreten gegen die Juden als einen Nachhall des finsteren Mittelalters und seiner Ketzerverfolgung denuncirte. Etwas der Art ist in der That auch jetzt noch bei gewissen Angriffen auf die Juden zu bemerken, aber doch selten. Die Sache liegt jetzt ganz anders. Die Hauptangriffe gegen die Juden erfolgen jetzt von Solchen, die mit dem Religiösen nichts zu thun haben, und die offen bekennen, daß sie auch einen getauften Juden zunächst, das heißt, bis er nach Generationen in die deutsche Nationalität physisch aufgenommen ist, ganz so ansehen wie einen nicht getauften. Die Antipathie ist also eine Rassenantipathie. Man wird daher nur fragen, welches ist denn der Anlaß, daß diese Art von Antipathie jetzt wieder so auflebt?

Man kann nicht leugnen, daß die wirthschaftliche Stellung der Juden in der Gegenwart in erster Linie dabei in Betracht kommt, der Aerger zum Theil über die großen Erfolge, welche die Juden in der freien Concurrenz des heutigen capitalistischen Staates errungen haben, zum Theil über die entsprechende traurige Lage der christlichen Volksmasse. Diese Thatsache ist nicht zu bestreiten. Die großen Bankcapitalien sind überwiegend in jüdischen Händen, sie beherrschen die Börsen und die nationale und internationale Speculation. Viele hochgestellte Beamte und Grundbesitzer sind durch ihre Geldverhältnisse von Juden abhängig, und das geht herunter bis zu den Bauern, die auf die „rechtliche Weise“ ausgesogen werden. Das ist allgemein bekannt. Es wird nur von Zeit zu Zeit aufgefrischt durch Gerichtsverhandlungen, die (namentlich zu Geysa in Sachsen-Weimar) aus den Jahren 1876 und 1877 Wucher bis zu 2600 Procent aufweisen. „Umsonst suchen wir unter jenen Wucherern nach einem christlichen Namen, um ihn an den Pranger zu stellen.“ Wie gesagt, das ist überall bekannt, und wenn man mit Richtern spricht, so hindert sie ihr Liberalismus nicht, zu erzählen, was sie von der socialen Schädlichkeit der Juden erfahren haben. Auch weiß Jeder so ziemlich, daß die Juden jede harte Arbeit scheuen. Während im Jahre 1861 auf 72 Einwohner in Preußen 1 Jude kam, kam auf 1700 Einwohner, die selbstthätig als Bauern, Gärtner, Weinbauern arbeiten, nur 1 Jude, aber auf 5 ⅕ im Handel arbeitende Personen schon 1 Jude.

Am Rhein ist besonders der Hausirhandel in jüdischen Händen, auch wohnen die Juden in der Rheinprovinz mehr auf dem Lande und in kleinen Städten, während sie sonst mehr den größeren Städten zueilen. Nicht unbekannt ist ferner geblieben, daß die Juden nur etwas über ein Drittel so viel Militärtüchtige haben, als eine gleich große Zahl von Deutschen liefert. Kurz, auf Grund der Rassenverschiedenheit hat sich eine durch Jahrhunderte befestigte Arbeits- und Erwerbsverschiedenheit gebildet, die jetzt bei der modernen capitalistischen Staats- und Weltwirthschaft zu einer natürlich nicht beabsichtigten, aber verhängnisvollen Begünstigung des Judenthums und Benachtheiligung der schwerfälligeren germanischen Natur ausschlägt. Wenn man das neu finden sollte, was im Stillen freilich oft der Eine dem Andern seufzend gesteht, so liegt das an einem anderen Umstande, daß das Judenthum fast die ganze große Presse beherrscht, Verleger oder Redacteur oder Mitarbeiter oder alle diese Personen zusammen sind, z. B. bei den meisten Berliner Zeitungen, Juden. Es besteht ein Einverständniß unter ihnen, daß Nichts gegen das Judenthum gesagt werden darf, und wenn man einen Angriff der Art nicht todtschweigen kann, so wird er mit Geschick und manchmal mit Recht als ein Ausdruck von Beschränktheit und Intoleranz dargestellt. Daher erscheinen die Artikel gegen das Judenthum meist als besondere Broschüren.

Alles dies ist nicht gesagt um zu moralisiren. Ein kräftiges Volk braucht keine Gesetze, um sich einer Minorität von Rassefremden zu erwehren. Und sie sind auch keine Fremden mehr. Der Liberalismus wird es von sich abweisen, Gesetze zu billigen, die eigens für Juden berechnet sind. Für die äußersten Möglichkeiten, z. B. daß das Judenthum die Nation beherrschen sollte, macht man keine Gesetze, da hilft die Masse sich selbst. Will man das Uebel gründlich anfassen, so muß man die ganze Gesetzgebung in Bezug auf Capitalbildung, Actienwesen, Hypothekenrecht, Erbrecht ec. genau verfolgen und sich nicht durch Formeln der sogenannten Manchestertheorie von der genauesten Kritik der bestehenden Gesetze abhalten lassen.

Quelle: Anon., „Berichte aus dem Reich und dem Auslande“, Im neuen Reich: Wochenschrift für das Leben des deutschen Volkes in Staat, Wissenschaft und Kunst, Jg. 9, Bd. 2, Nr. 47 (20. November 1879): S. 769–71.