Quelle
Einst haben die Kerls auf den Bäumen gehockt,
behaart und mit
böser Visage.
Dann hat man sie aus dem Urwald gelockt
und die
Welt asphaltiert und aufgestockt,
bis zur dreißigsten Etage.
Da saßen sie nun, den Flöhen entflohn,
in zentralgeheizten
Räumen.
Da sitzen sie nun am Telefon.
Und es herrscht noch
genau derselbe Ton
wie seinerzeit auf den Bäumen.
Sie hören weit. Sie sehen fern.
Sie sind mit dem Weltall in
Fühlung.
Sie putzen die Zähne. Sie atmen modern.
Die Erde ist
ein gebildeter Stern
mit sehr viel Wasserspülung.
Sie schießen die Briefschaften durch ein Rohr.
Sie jagen und
züchten Mikroben.
Sie versehn die Natur mit allem Komfort.
Sie
fliegen steil in den Himmel empor
und bleiben zwei Wochen oben.
Was ihre Verdauung übrigläßt,
das verarbeiten sie zu
Watte.
Sie spalten Atome. Sie heilen Inzest.
Und sie stellen
durch Stiluntersuchungen fest,
daß Cäsar Plattfüße hatte.
So haben sie mit dem Kopf und dem Mund
Den Fortschritt der
Menschheit geschaffen.
Doch davon mal abgesehen und
bei Lichte
betrachtet sind sie im Grund
noch immer die alten Affen.
Quelle: Erich Kästner, „Die Entwicklung der Menschheit“, in: Gesang zwischen den Stühlen, Stuttgart,1932. Gelesen von Lotte Lenya. Aus: Invitation to German Poetry, Dover Publications (IPG1/2), 1959. Internet Archive https://archive.org/details/lp_invitation-to-german-poetry_lotte-lenya/lp_invitation-to-german-poetry_lotte-lenya