Kurzbeschreibung

Carl Schwabe (1891-1967) war ein jüdischer Geschäftsmann in Hanau. Bereits sein Vater hatte in der Stadt zusammen mit einem Teilhaber das Kaufhaus Kahn betrieben und auch Carl Schwabe trat später in die Firma ein und leitete diese in den 1920er und 1930er Jahren. Durch die antisemitischen Boykotte und Gesetze der Nationalsozialisten geriet das Kaufhaus ab 1933 zunehmend in wirtschaftliche Schwierigkeiten. 1938 verkaufte Carl Schwabe das Unternehmen. Nach den Novemberpogromen wurde Schwabe am 10. November für einen Monat im Konzentrationslager Buchenwald inhaftiert. Nach seiner Freilassung emigrierten er und seine Familie 1939 zunächst nach London, 1940 in die USA. Carls Bruder Otto Schwabe, der als niedergelassener Arzt in Hanau arbeitete, wurde 1937 denunziert und von der Gestapo verhaftet. Er starb unter ungeklärten Umständen.

1939 verfasste Carl Schwabe einen 90-seitigen Erinnerungsbericht über seine Erlebnisse in Deutschland vor und nach 1933 für einen Geschichtswettbewerb der Harvard University. In dem vorliegenden Auszug beschreibt er seine Situation Ende der 1920er Jahre. Die nun bessere ökonomische Lage nach der Hyperinflation 1923, so berichtet Schwabe direkt am Beginn des Textauszugs, führte auch in Hanau zu einem verstärkten Wettbewerb zwischen den Einzelhändlern und Kaufhäusern. Davon abgesehen zeichnet Schwabe das Bild eines stabilen sozialen Netzwerks und einer lebendigen Kulturlandschaft, in die er und seine Familie eingebunden waren. Allerdings beschreibt er auch eine andere Seite der „Goldenen Zwanziger“ in der Weimarer Republik: Seine Geschäftsreisen nach Berlin führten ihn auch in die beengten und rauen Arbeiter- und Industrieviertel der Stadt, wie es sie an vielen anderen Orten im Land gab.

Carl Schwabe über sein Leben in Deutschland vor der Machtergreifung (Rückblick, 1939)

  • Carl Schwabe

Quelle

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Wir konnten uns dem Geist der Zeit nicht entziehen. Wir glaubten, durch die Schaffung besserer Ausstellungsmöglichkeiten und durch bessere Ausstattung der Verkaufsräume sowie durch größere Lagerhaltung unseren Rang behaupten zu können. So bauten wir im Jahre 1928 unser Haupthaus völlig um. Ich nahm eine Hypothek auf und glaubte so, finanziell für alle Fälle stark genug zu sein. Mein Teilhaber erlitt einen Schlaganfall, und so fiel leider gerade um diese Zeit seine wertvolle Arbeitskraft und Erfahrung weg. Mit meinem neuen Teilhaber, seinem Schwiegersohn, verstand ich mich gar nicht. Bald kam es zu ernsten Differenzen, und ich mußte mich von ihm trennen. Er schied aus der Firma aus. Da Herr S. nicht mehr tätig war, schloß ich mit ihm einen neuen Vertrag, der ihm ein bestimmtes Einkommen unabhängig vom Geschäftsgang sicherte. Zunächst ging alles gut. Die neue Schaufensterpassage brachte tatsächlich neue Kunden. Die Warenhäuser eröffneten, die Preise wurden gedrückt, die scharfe Konkurrenz machte sich fühlbar. Trotz allem blieb der Umsatz zunächst ungeschmälert. Ich erwog mit einigen anderen Firmen Fusionspläne. So ging das Jahr 1929 dahin.

Wir hatten trotz aller Kämpfe, Aufregungen und Sorgen ein schönes Familienleben und fühlten uns froh und stark. Meine Frau war gesund. Der Kleine lebte in seinem grünen Garten im Kinderparadies. Der große Sandhaufen, den wir ihm hatten aufschütten lassen, lockte Spielkameraden herbei, und immer war lustige Gesellschaft da. Mein Bruder hatte sich eine sehr gute Praxis aufgebaut, die ständig zunahm. Er war jetzt viel zufriedener als früher. Besonders in einfachen Kreisen war er außerordentlich beliebt. Man wußte, für Dr. Schwabe war keine Stunde zu spät und kein Weg zu weit, wenn er gebraucht wurde.

Ein neuer Kunstverein hatte sich gebildet, der mit Lichtbildvorträgen, Konzerten und anderen Veranstaltungen viele Anregungen brachte. Jüdische Akademiker, die sich nach dem Krieg niedergelassen hatten, wirkten führend mit. Wir kauften unser erstes Radio: unvergeßlich die Aufregung und das Entzücken, zum ersten Mal eine Oper- es war Faust von Gounod- aus Budapest zu hören. Der Rundfunk war damals noch völlig unpolitisch und die Programme weit künstlerischer als heute. Es erschienen die ersten Kriegsromane. Reinhard Wehr brachte in der Frankfurter Zeitung seine realistischen Schilderungen. Remarque veröffentlichte sein Im Westen nichts Neues. Jakob Wassermanns großartige gesellschaftskritische Romane erschienen, Hermann Hesse, Werfel und die Zweigs und viele andere brachten neue Werke und wurden viel gelesen.

Ich fuhr häufig nach Berlin, meine Frau begleitete mich öfter. Viele neue Firmen hatten sich aufgetan, der Einkauf war dadurch nicht erleichtert. Immer mehr Auswahl sollte gebracht werden, jede Firma suchte einen ganz speziellen Warentyp herauszuarbeiten. Berlin suchte sich selbst zu überbieten. Außer Max Reinhardt brachten auch die anderen Theater glanzvolle Aufführungen. Schnell vergessene Tagesgrößen und Klassiker wurden mit gleicher Sorgfalt inszeniert. Revuen nach französisch-amerikanischem Vorbild zeigten immer größeren Prunk und immer knappere Kostüme. Wir hatten Verwandte in Berlin und machten im Sommer öfter mit ihnen Autotouren in die herrliche Berliner Umgebung. Ich zeigte Lotte Sanssouci und die Havelseen, wir fuhren nach Wannsee und auch nach Treptow, wo die Berliner Arbeiter ihren Sonntag feiern. Ein anderes Berlin. Berlin O. Hier sitzt die Möbelindustrie, auch hier hatte ich einzukaufen. Es gab keine Prunkstraßen, sondern Riesenfabriken und Lagerhäuser, endlose Mietskasernen mit sonnenlosen Höfen, unzählige Kinder tummelten sich auf der Straße, überall Lärm und Staub. Hier wurde gearbeitet, das merkte man. Ein anderer Ton herrschte als im Westen, rauer und männlicher. Nirgends Eleganz. In den Geschäften nur die billigsten einfachsten Qualitäten. Wenn ich nach meinem Hotel zurückfuhr, war ich wieder in einer anderen Welt.

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Quelle: Jüdisches Leben in Deutschland, Dritter Band: Selbstzeugnisse zur Sozialgeschichte 1918–1945, Hrsg. Monika Richarz. Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt, 1982, S. 159–60. Online verfügbar unter: https://digipres.cjh.org/delivery/DeliveryManagerServlet?dps_pid=IE9119189