Emil Lehmann (1829–1898) war ein Dresdner Rechtsanwalt und der erste
in das Dresdener Stadtverordnetenkollegium gewählte Jude (1865). Mit
kurzen Unterbrechungen hatte er sein Mandat bis 1883 inne und bekleidete
fast die gesamte Zeit hindurch das Amt des 1. oder 2. Vizevorstehers in
jener Kammer. Er saß außerdem von 1875 bis 1881 als Abgeordneter der
Fortschrittspartei in der 2. Kammer des sächsischen Landtags. Als Sohn
eines Dresdner Kaufmanns konnte Lehmann zu seinen Vorfahren Hofjuden und
Schauspieler zählen, die August der Starke im 18. Jahrhundert nach
Dresden gebracht hatte. Lehmann besuchte die israelitische
Gemeindeschule und anschließend von 1842–48 die Kreuzschule in Dresden.
Im Jahr 1848 zog er nach Leipzig, wo er bis 1851 Jura studierte. Nach
seiner Rückkehr nach Dresden konzentrierte er sich auf seine
Schreibtätigkeit für die linksliberale
Sächsische Dorfzeitung und andere
Zeitschriften, doch seit 1863 war er als Rechtsanwalt in der sächsischen
Hauptstadt tätig. Mit seinen Kollegen Bernhard Beer, Zacharias Frankel
und Wolf Landau richtete Lehmann ab Mitte der 1860er Jahre seine
Aufmerksamkeit auf den Kampf für jüdische Rechte. Er wurde am 9. Februar
1869 zum Gemeindevorsteher der Dresdner jüdischen Gemeinde gewählt. Sein
Pamphlet „Höre Israel!“ führte 1872 zur Gründung des
Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes. Als Befürworter der jüdischen
Assimilation trugen seine Bemühungen bereits erheblich zur (formalen)
Gleichstellung der Juden in Sachsen am 3. Dezember 1868 bei – das heißt,
vor der Verabschiedung des „Gesetzes zur Gleichberechtigung der
Konfessionen“ durch den Norddeutschen Reichstag (3. Juli 1869). Er
förderte zudem die Gründung des Central-Vereins deutscher Staatsbürger
jüdischen Glaubens 1893.
Obwohl Lehmann sein ganzes Leben ein Verfechter einer
deutsch-jüdischen Symbiose war – indem er Gabriel Riesser zu seinem
Vorbild erkor – war sein Los kein leichtes. Im Königreich Sachsen lebten
einige der fanatischsten Antisemiten des Deutschen Kaiserreichs. Lehmann
engagierte sich intensiv in der Pamphletpublizistik, die in den Jahren
1878–1882 blühte, insbesondere als Folge der Polemiken Heinrich von
Treitschkes gegen die Juden, dem anschließenden „Berliner
Antisemitismusstreit“ und der Agitation in Sachsen, die nicht nur von
den Mitgliedern der Christlichsozialen Partei Adolf Stoeckers ausging,
sondern auch von den in lokalen „Reformvereinen“ organisierten
radikaleren Antisemiten. Anfangs zeichneten sich Lehmanns Schriften
durch argumentative Brillanz aus, doch in späteren Jahren waren sie von
zunehmender Bitterkeit geprägt – und dies aus gutem Grund. Lehmann
verlor 1883 seinen Sitz im Dresdner Stadtverordnetenkollegium durch eine
Koalition antisemitischer „Reformer“ und Konservativer. Dresdens
Antisemiten jubelten, dass sie den Gemeinderat vom letzten Juden
„gesäubert“ hatten.