Kurzbeschreibung

Dieser 1959 in der Jugendzeitschrift Twen veröffentlichte Artikel lässt das Aufbegehren der Jugend gegen die Kontinuität der alten Eliten und den Generationenkonflikt der 1960er Jahre vorausahnen. Er erinnert zudem daran, dass die deutsche „Tätergeneration“ nicht nur gegenüber den Opfern der rassistischen Verfolgung und des Krieges Schuld auf sich geladen hatte, sondern auch gegenüber den zukünftigen Generationen.

Warum sagen unsere Eltern nicht die Wahrheit? (August 1959)

  • Bernhard Schweif

Quelle

Warum sagen unsere Eltern nicht die Wahrheit?

Nicht immer waren unsere Eltern gute Demokraten. Ihre politische Vergangenheit bleibt im Dunkeln.

Beschwörend werden die Häupter geschüttelt. Gesprächsthema: Die Jugend von heute! Ja, früher hatte man noch Ideale! Die heutige Jugend hat keine! Sie lebt egoistisch ihr eigenes Leben. Sicher ist sie oft falsch geleitet, häufig verkommen, aber fast immer schwierig. Mit solchen Urteilen steigen die Älteren selbstgefällig auf das Podest des Jugend- und Tugendrichters und stärken sich mit dem streichelnden Gefühl, selbst frei gewesen zu sein von diesen Auswüchsen der heutigen Tage. Als ich 12 Jahre alt war, haben mich Erwachsene gelehrt, in einer jugendlichen Marschkolonne ein Lied zu singen mit der Zeile „Haut die Juden stellt die Bonzen an die Wand!“ Die Menschen, denen wir das vorsangen, zweimal wöchentlich auf den Straßen unserer Stadt, fanden offenbar nichts dabei. So fanden wir auch nichts.

Und als ich gerade zur ersten heiligen Kommunion gegangen war, wurde ich bald darauf mit meinen Mitschülern in der Schule zu einer langen Reihe aufgestellt, um einen „Aufmarsch“ zu veranstalten. Es waren viele Menschen auf den Straßen, und ich sah mit ihnen, wie man einen alten Mann an den Haaren eine lange Treppe hinunterzog, wie man eine Frau mit Stiefeln so lange in den Leib trat, bis sie zu schreien aufhörte, wie blutende Menschen, Familien oft, die sich entsetzt aneinander klammerten, auf Lastwagen steigen mussten und fortgefahren wurden. Und überall standen viele Menschen dabei, die zusahen. Manche drehten sich auch schnell um und gingen weg, so wie heute viele Menschen einem Verkehrsunfall den Rücken zuwenden, um nicht als Zeuge geladen zu werden. Aber immerhin: Millionen sahen zu. Sie standen an den Straßen, die vom Marschtritt der braunen Kolonnen dröhnten und hoben den rechten Arm bis in Augenhöhe. Deutscher Gruß hieß das damals. Was daran deutsch war, wusste eigentlich niemand. Einige Jahre später hoben Millionen deutscher Männer beide Arme, diesmal bis über den Kopf: Das war das Ende. Dieselben Menschen, die damals den aufgeblasenen, ordenklingelnden, braunbehemdeten Burschen und ihren Bonzen zujubelten, deren Welt wenige Jahre später in rauchende Trümmer zerbrach, beklagen nun heute die Jugend, weil sie keine Ideale habe.

Diese Menschen versichern, sie hätten damals „nichts davon gewusst“ und verlangen von der Jugend Achtung vor den Eltern und den Älteren und bekommen sie sogar.

Es geht nun aber gar nicht darum, dass sich die Jungen, die das Glück hatten, ohne Charakterschaden und gebrochenes Rückgrat dem Dritten Reich zu entgehen, sich jetzt zum Ankläger aufspielen sollten. Aber eines sollten sie klar fordern: ihr Recht auf Wahrheit. Die jetzt 30jährigen, zu denen auch ich gehöre, haben noch eigene Erinnerungen. Sie sind größtenteils sogar selbst noch eingespannt worden als gedankenlose Helfer und junge Anführer von Unrecht, Gemeinheit und Verhetzung. Glaubt irgend jemand, diese Erinnerungen seien leicht unterzubringen in dem Bild, das die Generation von damals uns heute bietet?

Die jüngeren unter uns, die jetzt 20jährigen, haben keinerlei eigene Erinnerungen an das Dritte Reich. Aber so sehr sich viele in diesem Lande auch bemühen, die Vorgänge der Vergangenheit zu verstecken, Ölbilder in Goldrahmen über die Blutflecke an der Wand zu hängen – Teile der Wahrheit sind trotzdem allen Jugendlichen bekannt. Und sie, die nicht einmal mehr selbst die unheilvolle Perfidie jenes Staates gespürt haben und die Angst aller, um wieviel mehr noch sehen sie fragend und ungläubig die Älteren und die Eltern an, die damals dabei waren und nun schweigen.

Es gibt Eltern, die sich Gedanken machen wegen des geringen Kontaktes ihrer Kinder zu ihnen. Aber kaum einem Elternpaar würde es einfallen, sich einmal zu fragen, ob nicht vielleicht auch das Verschweigen daran schuld ist. Das Verschweigen der Wahrheit.

Quelle: Bernhard Schweif, „Warum sagen unsere Eltern nicht die Wahrheit?“, Twen Nr. 2 (August 1959), S. 51.