Quelle
In München hatte ich Gelegenheit, den aufkommenden Nationalsozialismus an der Universität von nahe kennenzulernen. Die Atmosphäre in der Stadt war unerträglich, was heute oft übersehen und in gedämpfteren Farben dargestellt wird, als es wirklich war. Unübersehbar waren die riesigen blutroten Plakate mit dem nicht weniger blutrünstigen Text, die zu den Reden Hitlers einluden. „Deutsche Volksgenossen sind willkommen. Juden ist der Eintritt verboten.“ Mich selber berührte das wenig, da ich meine Entscheidung, Deutschland zu verlassen, längst getroffen hatte. Aber es war doch erschreckend, die Blindheit der Juden, die von alledem nichts wissen und nichts sehen wollten, wahrzunehmen. Das belastete meine Beziehungen zu Münchener Juden sehr, da sie außerordentlich kribbelig und böse wurden, wenn man die Rede darauf brachte. So beschränkte sich mein jüdischer Verkehr auf einen kleinen Kreis Gleichgesinnter.
Quelle: Gershom Scholem, Von Berlin nach Jerusalem. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1977, S. 172–73.