Kurzbeschreibung

Den Höhepunkt des Versuchs, eine weltweite Allianz gegen den Imperialismus zu schmieden, stellte der Berliner Vietnamkongress am 17.–18. Februar 1968 dar, der die Eröffnung „einer zweiten revolutionären Front“ in den europäischen Metropolen gegen die amerikanische Intervention in Südostasien forderte.

Schlusserklärung des Vietnamkongresses (18. Februar 1968)

Quelle

Während das vietnamesische Volk den Kampf für Unabhängigkeit und sozialistische Demokratie gegen den barbarischen US-Imperialismus führt, während in Westberlin der Senat als Komplice des US-Imperialismus versucht, jede Solidarisierung mit dem Befreiungskampf des vietnamesischen Volkes als kriminell zu verfolgen und mit Polizeiterror zu zerschlagen, haben sich in Westberlin Vertreter der sozialistischen Jugend Westeuropas, Vertreter der amerikanischen Widerstandsbewegung und Vertreter der revolutionären Jugend der drei Kontinente versammelt, um ihre Solidarität mit dem Befreiungskampf, des vietnamesischen Volkes zu bekunden und um gemeinsame Maßnahmen für den Kampf gegen den US-Imperialismus zu beraten.

In einer groß angelegten Offensive hat die FNL Südvietnams den revolutionären Volkskrieg auf eine neue Stufe erhoben. Ihre militärischen Erfolge fußen auf dem intensivierten Kampf des gesamten vietnamesischen Volkes. Diese Erfolge beweisen die Fähigkeit revolutionärer Befreiungsbewegungen, die mit dem gigantischen Vernichtungsapparat einer industriellen Großmacht geführte konterrevolutionäre Aggression abzuweisen. Sie entlarven vor der Weltöffentlichkeit und vor der Bevölkerung der USA alle Erfolgsmeldungen und -prognosen der konterrevolutionären Führung als Lügen. Mit der erfolgreichen Offensive der revolutionären Befreiungskräfte wächst die Gefahr weiterer geographischer und militärischer Eskalation der amerikanischen Aggression. Es ist zu befürchten, daß der in die Defensive getriebene US-Imperialismus einen Ausweg im Einsatz von Atomwaffen sucht.

In dieser Situation muß die Oppositionsbewegung in den kapitalistischen Ländern ihren Kampf auf eine neue Stufe heben, ihre Aktionen ausweiten, verschärfen und konkretisieren. Die Oppositionsbewegung steht vor dem Übergang vom Protest zum politischen Widerstand.

Heute versucht der US-Imperialismus, über die NATO die westeuropäischen Metropolen in seine Politik der kolonialen Konterrevolution einzubauen. Aber der Befreiungskampf der Völker in der Dritten Welt verschärft die Widersprüche zwischen und innerhalb der imperialistischen Metropolen. Es kommt darauf an, diese Widersprüche zu analysieren und auszunützen. Die militärische Zusammenarbeit zwischen dem Haupt der kolonialen Konterrevolution, den USA und den westeuropäischen Ländern muß zerbrochen, ihre Agentur, die NATO, muß zerschlagen werden. Der Kampf gegen die US-Aggression in Vietnam muß zugleich ein Kampf gegen die imperialistische Politik der kapitalistischen Länder Westeuropas sein. Eine zweite revolutionäre Front gegen den Imperialismus in dessen Metropolen kann nur dann aufgebaut werden, wenn die antiimperialistische Oppositionsbewegung lernt, die spätkapitalistischen Widersprüche politisch zu aktualisieren und den Kampf um revolutionäre Lösungen in Betrieben, Büros, Universitäten und Schulen aufzunehmen.

Die in Westberlin versammelten Vertreter der sozialistischen Jugend Westeuropas, der amerikanischen Widerstandsbewegung und der revolutionären Jugend der drei Kontinente sind sich darin einig, durch folgende Aktionen ihren gemeinsamen antiimperialistischen Kampf zu konkretisieren und zum aktiven Widerstand zu entfalten:

1. In allen westeuropäischen Ländern wird die Kampagne zur materiellen Unterstützung des bewaffneten Befreiungskampfes der FNL Südvietnams auf breiter Basis fortgesetzt und verstärkt.

2. In westeuropäischen Ländern mit amerikanischen Truppenstützpunkten werden so wie in den USA selbst Aufklärungsaktionen unter den GIs durchgeführt mit dem Ziel, die Wehrkraft der US-Armee zu zersetzen und die Soldaten von der Notwendigkeit des Widerstandes, der Sabotage und der Desertion zu überzeugen.

3. Gegen NATO-Basen in westeuropäischen Ländern wird in Aktionen und Demonstrationen eine Kampagne „Zerschlagt die NATO“ geführt. In allen Ländern wird der Austritt aus der NATO zum Ablauf des NATO-Vertrages 1969 gefordert.

4. In jenen westeuropäischen Ländern, aus deren Häfen Rüstungsgüter für die US-Aggression in Vietnam verschifft werden, wird auf Hafenarbeiterstreiks hingearbeitet.

5. In Westberlin wird eine Dokumentationszentrale gegen den Mißbrauch der Wissenschaft zu Zwecken der imperialistischen Kriegsführung eingerichtet. Die antiimperialistische Widerstandsbewegung wird aufgefordert, diese Zentrale zu unterstützen und zu benutzen.

6. In allen westeuropäischen Ländern wird eine Kampagne zur Aufklärung der Bevölkerung über Konzerne, die als Produktionsstätten für Vernichtungswaffen am schmutzigen Krieg verdienen. Dieser Kampagne werden sich Demonstrationen und Blockaden anschließen (zum Beispiel gegen den Napalmproduzenten Dow Chemical).

Wir rufen die antiimperialistischen Widerstandsbewegungen auf, darüber hinaus immer wieder auf gemeinsame Massenmanifestationen gegen den US-Imperialismus und alle seine Handlanger. in Westeuropa hinzuarbeiten. Im Verlauf dieses gemeinsamen Kampfes muß die politische und organisatorische Zusammenarbeit zwischen den revolutionären Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt und den Widerstandsbewegungen in den USA und in den westeuropäischen Ländern intensiviert und zu einer Einheitsfront ausgebaut werden.

Es siege die vietnamesische Revolution!
Es siege die sozialistische Weltrevolution!

Quelle: Der Kampf des vietnamesischen Volkes und die Globalstrategie des Imperialismus- Internationaler Vietnam-Kongreß-Westberlin, herausgegeben von SDS Westberlin und Internationales Nachrichten- und Forschungs-Institut (INFI), Redaktion: Sybille Plogstedt, Westberlin, 1968.